Von Ulrich Schmidt

Gleich kommen wir zum schönsten Marktplatz der Romantischen Straße!“ sagt der Mann am Mikrophon, während sich der Bus im Stop-and-go-Geschiebe dem Hauptplatz nähert. „Aber bitte beeilen Sie sich! Wir können da wegen des Verkehrs nur ganz kurz halten!“

Endlich am Ziel, schwärmen drei Dutzend Reisende etwas ratlos über die Freifläche rund um den Marienbrunnen, knipsen mit ihren Kameras gegen die Häuserfronten ringsum – und schon sind sie mitsamt dem Bus wieder auf und davon.

Landsberg am Lech – ein Problemfall für Motortouristen und eine Strafe für jeden Autofahrer. Da ist man froh, wenn man diesen Flaschenhals – wahrhaftig ein „fiasco“ – hinter sich hat. So kommt es, daß Landsberg in der Erinnerung der meisten Reisenden durchaus nicht als „Romantik am Lech“ haften bleibt, so wie es die Stadtwerber gerne hätten.

Schade drum! Allein schon dieser Markt- und Hauptplatz ist es wert, in aller Ausführlichkeit betrachtet zu werden. Denn er ist nicht bloß schön. Man erkennt ihn sehr bald als das in Architektur übersetzte Soziogramm einer deutschen Kleinstadtgemeinde.

Da sind zuerst die dicht und fest gefügten, ein Dreieck bildenden Häuserfronten. Sie demonstrieren Bürgersinn und Eintracht. Nicht Einförmigkeit, denn einige Häuser zeigen den Giebel, andere die Traufe, und auch sonst wahrt jedes seine Eigenart.

Eines hat sogar statt des Giebels eine aus den schrägen Kanten zweier Halbgiebel gebildete Kerbe und dementsprechend zwei Eingänge. Das sieht aus wie ein zu Stein gewordener Bruderzwist. Und wirklich, die Chronik bestätigt es: Da haben sich zwei Brüder über dem Hausbau zerstritten und dann diese Narrenfassade zustandegebracht.