Präsident Pinochet ist an der Wirtschaftspolitik gescheitert aber noch will er nicht weichen

Von Horst Bieber

Santiago de Chile, im Juli

Direkt vor dem Flughafengebäude steht auf einem grünen Rohrmast ein Milchglas-Würfel und verkündet mit schwarzen Lettern in vier Sprachen selbstbewußt: "Chile geht voran – in Ordnung und in Frieden." Manuel, 35 Jahre alt, arbeitsloser Akademiker, zuckt unwillig die Achseln. Nein, ihm ist dieser Propaganda-Kasten noch nicht aufgefallen, aber eines weiß er: "Das Gegenteil ist richtig – wir machen Rückschritte, die Unordnung nimmt zu, und der Unfrieden wächst mit jedem Tag."

Manuel ist Sozialist. Am Tage nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 hatte er sich aus dem Staub gemacht, mit dem Auto in die Anden, auf Schleichwegen an den Grenzposten vorbei hinüber auf die argentinische Seite, wo seine Gruppe von Freunden erwartet wurde. In Mendoza griff dann die argentinische Polizei zu. Über Venezuela und Mexiko kam er nach Europa, Frankreich, die Bundesrepublik, Spanien. Tausende flohen vor zehn Jahren wie er, Hunderte hatten weniger Glück und fielen dem Militär in die Hände: Haft, Folterung, Tod. So etwas vergißt man nicht, auch wenn selten darüber gesprochen wird. Der Haß ist lebendig.

Unmittelbar vor der Stadt tauchen linkerhand Pappmache-Berge auf, vielleicht zwei Meter hoch: Chile und seine Sehenswürdigkeiten in Walt-Disney-Land-Miniatur. In der ersten Juli-Woche will der private Unternehmer die Pforten öffnen. Manuel, bis jetzt schweigsam, sagt plötzlich bitter: "Sehr wichtig für uns." Der Taxifahrer zögert, schaut in den Innenspiegel und verbessert höflich: "Lebenswichtig." Manuel grinst, haut ihm auf die Schulter und fragt fröhlich: "Companero, wie geht’s dir?" Die Antwort "Mierda" (Scheiße) folgt prompt. "Zehn Jahre?" – "Niemals!"

Wie ein Gefängnis