Wer nach der Flüsterpropaganda und den wenigen Handzetteln, die die Organisatoren aus der Erlöser-Gemeinde verteilten, einen verschwiegenen Zirkel erwartete, sah sich getäuscht. Auch zur Verblüffung der Veranstalter kamen schließlich mindestens 3000, vielleicht 5000 zumeist jugendliche Besucher aus allen Teilen der DDR zur „Friedenswerkstatt“ in den Ost-Berliner Stadtteil Rummelsburg.

Unter dem Motto „Frieden pflanzen“ diskutierten die Besucher auf dem Gelände der Erlöser-Kirche vom Sonntagmorgen bis in den späten Abend hinein offen über die Möglichkeiten, den Frieden in Ost und West ohne atomaren Rüstungswahn zu erhalten. Sie zeigten keine Furcht vor dem unauffällig gekleideten Heer von Teilnehmern im Dienste des Innenministeriums.

Unter der Leitung des als Sprecher der DDR-Friedensbewegung bekannten Jugendpfarrers Rainer Eppelmann zeichneten rund 40 Informationsstände kirchlicher und unabhängiger Gruppen ein Bild des zur Zeit in der DDR Möglichen: von einem Anti-Kriegs-Museum über Umweltschutz-Gruppen bis zu Informationen über Wehrdienstverweigerung.

Die Veranstaltung „Lieder und Texte“ in der Kirche vereinte Liedermacher und Intellektuelle, darunter Stefan Heym. Der Bischof von Berlin-Brandenburg, Gottfried Forck, verdeutlichte den Zwiespalt, in dem sich die Kirchen der DDR nach den Ausweisungen vieler Anhänger der Jenaer Friedensgemeinschaft befinden. Ausreisewillige engagieren sich jetzt in der kirchlichen Friedensbewegung ganz bewußt, um die Genehmigung zum Verlassen der DDR schnell zu erhalten. Wer ausreisen wolle, sagt der Bischof, habe mit der Friedensbewegung nichts zu tun.

Die Maßnahmen des Staates gegen die Friedensfreunde gehen unterdes weiter. Während des Berliner Sonntags wurde die Verhaftung des Jugendpfarrers Rochau aus Halle offiziell bestätigt – ein Wermutstropfen für die sonst so freundliche Berliner Veranstaltung.

Mit normalem Tagesbesucher-Visum waren Angehörige von Friedensgruppen aus der Bundesrepublik und dem westlichen Ausland nach Ost-Berlin gekommen, darunter der Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, der auch als Redner auftrat.

Eine Ost-Berliner Teilnehmerin wies darauf hin, daß durch voreilige und übertriebene Veröffentlichungen westdeutscher Medien bereits verschiedene Veranstaltungen in der DDR gefährdet, wurden: „Das, was Sie hier sehen, ist das Maximum des zur Zeit Machbaren.“ Peter Becker (Berlin)