Von Roger de Weck

Warum freuen wir uns nicht? Warum sieht man davon ab, den Sieg zu feiern? Warum triumphieren sie nicht, die Feldherrn und ihre vielen Herolde? Seit Jahren verkündeten sie unablässig nur die eine Botschaft, als ob es keine andere gäbe: Wir müssen das unbändige Monstrum bezwingen, wir müssen sie niederkämpfen, die Inflation, und dann wird allmählich alles wieder gut. „Stabilität, Stabilität“, war ihr schriller Schlachtruf, und weil wir uns nicht taub stellen konnten, zogen wir alle, munter oder mürrisch, in den Kampf gegen die Teuerung.

Denn die Inflation sei nicht nur ein Übel, sondern vielmehr die Ursache allen Übels, behaupteten sie. Sie hatten nur einen Rat: „Nieder mit der Inflationsrate!“ Sie kannten nur einen Feind – nun liegt er am Boden: Die Teuerung teuert nicht mehr, die Inflationsrate ist im Juni von drei auf kümmerliche 2,4 Prozent gefallen – so tief wie noch nie seit fünf Jahren.

Doch trotz dieses schönen Erfolgs will sich keine rechte Freude einstellen: Wen erfüllt es schon mit Stolz, den falschen Sieg errungen zu haben? Zwar wurde die Inflation zurückgedämmt, doch viele stellen kühn die Frage: Was hat uns das gebracht? „Wo ist der Nutzen? Haben sich die Opfer auf dem Altar der Stabilität gelohnt?“, möchten nicht nur die 2,1 Millionen arbeitslosen Frauen und Männer und Jugendlichen wissen.

„Inflation bedeutet die Vertagung einer Problemlösung“, dozierte der Ökonom Olaf Sievert. Das leidige Problem scheint nun vorerst gemeistert, aber vieles andere ist dafür vertagt worden. Die Wirtschaftswissenschaftler haben tausend Rezepte gegen die Inflation und kein wirksames Rezept gegen die Unterbeschäftigung. Die Politiker kämpfen gegen die Teuerung an und verwalten lediglich die Arbeitslosigkeit. Dabei verabschiedeten unsere Parlamentarier bereits vor Jahren ein heute wieder äußerst lesenswertes Gesetz: „zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“. Da werden Maßnahmen anempfohlen, die „zur Stabilität des Preisniveaus“ führen; aber auch solche, die „zu einem hohen Beschäftigungsstand“ beitragen. Hat der Gesetzgeber wirklich das Mögliche mit dem Unmöglichen vermengt?

„Uns erscheint der Rang des Zieles der Geldwertstabilität in der politischen Diskussion maßlos übertrieben“, schrieb 1976 Professor Erich Streissler gleichsam als Quintessenz eines 350 Seiten starken Gutachtens im Auftrag der „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“. Der Experte Streissler vom Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien warnte vor einer „falschen Verabsolutierung der Geldwertstabilität“, denn es sei doch „eine Selbstverständlichkeit, daß jedes wirtschaftspolitische Ziel ein relatives sein muß“. Eine Selbstverständlichkeit? Noch nie gab es so viele Inflations-Fetischisten wie heute. Die rekordhohe Arbeitslosigkeit wird fatalistisch hingenommen, nicht aber die noch so klitzekleine Teuerung. Die Wissenschaft hat den furchtbaren Begriff der „natürlichen Arbeitslosenrate“ geprägt, – als sei es durchaus normal, daß fortwährend einige Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung ohne Arbeit sind. Von einer „natürlichen Inflationsrate“ will hingegen kaum ein Wissenschaftler etwas wissen.

Besonders die Deutschen plagt jetzt noch das Trauma der „Hyperinflation“ nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die Geldmenge 1923 von Monat zu Monat verdreifachte und Milliarden Reichsmark im Nu nichts mehr wert waren. Sechzig Jahre nach der monetären Katastrophe sind wir in der Bundesrepublik immer noch besonders inflationsempfindlich, so das einhellige Urteil der Ökonomen. Wer den Teuerungs-Teufel nicht immerzu lautstark verwünscht, ist bereits ein Häretiker.