Von Jörg Drews

Wenn man nur wüßte, was man da in der Hand hält! Denn auf dem Titelblatt steht „Oskar Pastior Francesco Petrarca 33 Gedichte“, und nun kann das Raten und Abwägen losgehen. Oskar Pastior steht an erster Stelle, also soll er wohl in stärkerem Maße Autor des Bandes sein als Petrarca, damit aber wohl auch nicht einfach nur Übersetzer.

„33 Gedichte“ werden angekündigt – demnach von den Autoren gemeinsam verfaßte, unter Präponderanz Pastiors? Da die Sonettform in Pastiors deutschen Texten nicht gewahrt ist, sind aus den Gedichten also sowas wie Prosagedichte geworden; wenn Pastior aber in einem Kommentar zu seinem Projekt von „meinen Petrarca-Gedichten“ spricht, meint er dann, daß dies Gedichte über Petrarca-Gedichte sind, analog seinen „Gedichtgedichten“, die er 1973 bei Luchterhand veröffentlichte und die zur Gattung der „Gedichte über Gedichte“ gehören? Und weiter: welchen Grad von Selbständigkeit haben dann seine Texte gegenüber denen Petrarcas, die im zweiten Teil des Bandes abgedruckt sind und auf die sie sich – sagen wir mal: beziehen? Sollen wir an den Originalen überprüfen, was Pastior damit machte? (Im Nachwort sagt er: Nein!) Sollen wir die Lektüre einer „normalen“ deutschen Petrarca-Übersetzung zwischenschieben, um noch genauere Anhaltspunkte für Pastiors Verfahren zu bekommen?

Lassen wir die Literaturwissenschaftler über „Erwartungshaltungen“ der Leser und daraus abzuleitende „Textverarbeitungsstrategien“ spekulieren; beide sind selten empirisch faßbar, am wenigsten bei Pastior, den man nicht nur Dichter, sondern programmatischen „Hersteller poetischer Geheimnisse“ nennen könnte. Lesen wir uns neugierig und vorbehaltlos, unsicher und aufmerksam in die Texte hinein, mit jenen wohl nicht auszutreibenden Fetzchen von Wissen über Petrarca im Hinterkopf, jenen Formeln des Halbwissens, die einem wie Treibgut im Gedächtnis herumschwimmen: daß er unermüdlich, eitel und ruhmsüchtig in zahllosen Sonetten eine Dame Laura bedichtete, welcher er am 6. April 1327 beim Kirchgang in Avignon begegnet war und der er fortan einen Großteil seines Lebens poetisch widmete – poetisch, wohlgemerkt, denn die Laura-Minne hinderte ihn nicht daran, gleichzeitig mit einer Frau niedrigen Standes zusammenzuleben und zwei Kinder zu zeugen.

Auch wenn man es nicht aus Pastiors „Nachwort“ wüßte: Übersetzungen sind diese „33 Gedichte“ nicht, Übertragungen auch nicht, noch nicht einmal Nachdichtungen; Pastior hat sich offenbar noch „freier“ – kühner? frecher? – zu Petrarcas Texten verhalten, so frei, daß einem Petrarca-Sonett von 14 Zeilen zwischen 12 und 33 Prosazeilen bei ihm entsprechen können. Da scheint also vom Lakonismus bis zur wortreichen, fast übermütig mäandrierenden Paraphrase jede Art von Umgang mit Petrarca möglich gewesen zu sein – aber wo sind nun die Grenzen der Mutwilligkeit?

Einigen Texten Pastiors habe ich unbesehen vertraut, habe mich ihnen rückhaltlos anvertraut wie jenen seiner Dichtungen, die sich nicht auf davor oder dahinter liegende Texte anderer Autoren beziehen: den 60 Texten namens „Höricht“ von 1975, der fünfundsiebzigmaligen „Fleischeslust“ von 1976, dem achtundsechzigfachen „Wechselbalg“ von 1980, dem „Krimgotischen Fächer“ von ebenfalls 1980 (alle erschienen bei Klaus Ramm in Spenge oder bei Klaus Renner in München) – es führt zu einem Zustand poetischen Behextseins, dessen einzige Fixpunkte Erinnerungen an mögliche Petrarca-Vokabeln sind, die man verzerrt oder verschoben in Pastiors Vokabular wiedererkennt.

Dann wollte ich es aber doch genauer wissen, pfiff auf den Vorwurf der Pedanterie, nahm den „Kleinen Langenscheidt Italienisch-Deutsch“, meine Latein-Kenntnisse und meine italienischen Brocken zusammen; mehr hatte Pastior, zumindest am Anfang seiner Beschäftigung mit Petrarca, auch nicht zur Verfügung, außer dem zusätzlichen Rumänisch seines Heimatlandes, in dem er als Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit bis zu seiner Übersiedelung nach dem Westen 1967 lebte. Ich spürte also Pastiors Verfahren nach ...