Von Dieter Buhl

Was Ronald Reagan noch vor wenigen Tagen als „viel Lärm um nichts“ abtat, wird für ihn immer mehr zum Ärgernis. Washington hat einen neuen politischen Skandal, und wieder einmal steht das Weiße Haus im Mittelpunkt. Wiederholt sich Watergate? Auch wenn es keinen Anlaß gibt, ein ähnlich bedrückendes Drama zu erwarten, so zeichnet sich doch ab: Die Angelegenheit ist noch lange nicht erledigt.

Wie bei der Affäre, die Richard Nixon Amt und Ehre kostete, geht es auch diesmal um unsaubere Machenschaften im Wahlkampf. Doch im Gegensatz zum Versuch der Nixon-Helfer, durch Anzapfen der Telephone im demokratischen Hauptquartier im Watergate-Gebäude geheime Informationen über den politischen Gegner zu bekommen, war den Männern der Reagan-Mannschaft Glück beschieden: sie erhielten nicht nur Jimmy Carters Vorbereitungsskripte für die wichtige Fernsehdebatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten im Oktober 1980, sie gelangten auch in den Besitz geheimer Unterlagen aus Carters Nationalem Sicherheitsrat und dem Büro des Vizepräsidenten Mondale. Hunderte von Blättern sind bisher aus den Ablagen von Reagan-Mitarbeitern ans Tageslicht befördert worden, nachdem eine Bemerkung in einem Buch über den Wahlkampf den Stein ins Rollen gebracht hatte. Doch vorläufig ist noch ungeklärt, wer sie wem gegeben hat.

Die Antworten sollen jetzt das Justizministerium und das FBI finden. Sie werden viel zu fragen haben. Denn bislang ist offen, ob die Carter-Dokumente gestohlen wurden, oder ob sie mit Hilfe eines (oder mehrerer) Reagan-Sympathisanten in die Hände der Mitarbeiter des republikanischen Herausforderers gelangten. Diebstahl oder nicht – das ist die Frage, die über die Tragweite des Skandals entscheiden wird.

Einer, der wahrscheinlich Auskunft über den Weg der Dokumente von Carters Weißem Haus ins Reagan-Lager geben könnte, ist William Casey, ehemals Reagans Wahlkampfdirektor, heute Leiter des Nachrichtendienstes CIA. Der Stabschef Präsident Reagans, James Baker, behauptet, Carters Vorbereitungsfibel für die Fernsehdebatte von ihm bekommen zu haben. Doch Casey kann sich nicht an die Papiere erinnern. Offensichtlich leidet er an chronischer Amnesie. Denn auch schon bei den Kongreßanhörungen vor seiner Berufung zum CIA-Chef waren ihm wichtige Dinge entfallen, beispielsweise die Höhe seiner Schulden und der Umfang seiner Investitionen.

Andere Mitarbeiter Reagans sind, wenn es um die Carter-Dokumente geht, ebenfalls von Gedächtnisschwund befallen. Das verwundert, weil der Einblick in die gegnerischen Strategiepapiere Reagans Wahlkampfhelfern eigentlich unvergeßliche Erlebnisse beschert haben müßte. Vor allem Carters Skript für die möglicherweise wahlkampfentscheidende Fernsehdebatte bot Ronald Reagan einen gewichtigen Vorteil. Heute erstaunt es jedenfalls nicht mehr, daß er das TV-Duell damals frohgemut resümieren konnte: „Es scheint alles gutgegangen zu sein. Ich habe mich selbst überprüft und keine Schwächen dabei gefunden.“

Jetzt wird der Präsident anders darüber denken. Denn soviel hilft es ihm nicht, wenn ausgerechnet der demokratische Sprecher des Senats, Thomas O’ Neill behauptet: „Briefing-Buch oder nicht, unser Kandidat war äußerst unpopulär.“ Vielmehr stellt sich der Eindruck ein, als sei Reagan damals in die Debatte gegangen wie ein Pokerspieler, der die Karten des Gegners schon kannte.