Von Winfried Scharlau

Eine Fensterecke im Coffee-Shop des Interconti-Hotels in Manila ist seit elf Jahren für einen Club besonderer Art reserviert.

Während Touristen und durchreisende Geschäftsleute in diskreter Stille ihr Frühstück verzehren, wird an dem Fenstertisch laut debattiert und zuweilen schallend gelacht.

Jeden Morgen, keinen; Sonntag oder Feiertag auslassend, trifft sich hier der „Club 365“, dem Politiker, hohe Beamte und Journalisten vielerlei Couleur angehören.

Gründer und Vorsteher, den niemand gewählt hat und den alle als Senior gelten lassen, ist der 70 Jahre alte Journalist Teodoro Valencia, ein wortreicher, am Hofe Marcos wohlgelittener, gut informierter Kolumnist des Daily Express. Seine Selbstzufriedenheit und Eitelkeit kann er nur schwer verbergen.

Teodoro Valencia ohne Parteinahme oder gar Polemik zu porträtieren, hieße ihm Unrecht tun. Er liebt das scharfe Wort, spart weder mit Spott noch mit Häme und sticht mit spitzer Feder in kleine Grützbeutel, während er die Eiterbeulen des Systems übersieht. Er hat viele Freunde und wahrscheinlich noch mehr Feinde, die dem Kolumnisten freilich nichts anhaben können, solange er die besondere Zuneigung und Unterstützung der Marcos-Familie besitzt.

Valencia führt das große Wort in einem Kreis, dessen Einfluß bis ins Kabinett reicht. Der Arbeitsminister kommt häufig zum Frühstück an diesen Tisch. Der stellvertretende Premierminister gehört zum Klub wie der Verteidigungsminister. Auch der Bruder der „First Lady“ Imelda Marcos, Botschafter in Amerika und potentieller Nachfolger des greisen Außenministers, läßt sich gern in dieser Runde sehen, wenn er in Manila ist. Der Chef der Post kommt häufig. Eine Reihe von hohen Beamten hat sich einen Stammplatz ersessen. Und natürlich gehören Journalisten dazu wie Carmen Nakpil, die, aus der Opposition kommend, in den Kreis von Imelda Marcos aufgenommen worden ist; und Max Soliven, den der Präsident nach Ausrufung des Notstands zunächst im Gefängnis hat schmoren lassen. Jetzt gibt er ein scheinbar unpolitisches Repräsentationsblatt heraus, verheimlicht indes seine liberalen, in Harvard vertieften demokratischen Überzeugungen nicht.