Hier in diesen Spalten liegt das Niemandsland des Feuilletons, ein Außenbezirk, Grenzgebiet. Bis hierhin werden mir nur wenige folgen. Immer mehr stecken sich Videokassetten statt Bücher in die Tasche. Schon lange hat man darüber geredet, jetzt wird es ernst: In der Bundesrepublik werden sich viele angesehene Leute in Outcasts verwandeln. Zu den Außenseitern gehören neben den Dicken und den Brillenträgern, den zu klein und den zu groß Geratenen, den Glatzköpfen und den Homosexuellen jetzt auch die Leser. Schon fangen sie an, schrullig zu wirken.

Das Erdgeschoß des kleinen Atelierhauses, wo ich lebe, bewohnt ein Arzt mit seiner Frau. Zwei angenehme Leute (und sehr gesellig). Daß wieder Gäste da sind, hört man am Kindergeschrei. An sonnigen Tagen riecht man es, weil der Qualm der gegrillten Steaks von der Terrasse bis zu meinem Balkon hochsteigt. Dann lese ich meistens im Zimmer weiter. Der Arzt ist ein Gesellschaftsmensch, Doch ich?

In seiner letzten Taschenbuchkolumne für die ZEIT schrieb Peter Hamm, die Bücher des 1956 verstorbenen Dichters Robert Walser könnten ihm manche Freundschaft ersetzen. Beim Lesen ist man (was nur Leser wissen können) selten allein. Doch weil die anderen inzwischen grillen, und man grillt nicht mit, oder weil sie ausgehen, und man bleibt zu Hause, gilt ihnen das Lesen längst als ein einsames Vergnügen, das legitimiert sein will. Für die Aktivsten unseres Alltags ist Lesen eine Vitalitätsstörung und „Kontemplation“ nur das Gegenteil von „Arbeit“.

Deshalb fahre ich mit meinen Büchern oft nach Österreich, wo es noch Lesecafés gibt, Gleichgesinnte und Melange. Dort ist der Leser noch Gesellschaftsmensch im doppelten Sinn: gesellig und Teil der Gesellschaft. Bei uns sind die Plätze des kulinarischen Lesens vernichtet – und mit ihnen eine ganze Erzählkultur. Selten bekommt man bei Gesprächen in Österreichs Kaffeehäusern auf Fragen analytische Antworten: Sie provozieren Geschichten. Hier wird mein Taschenbuch oft noch erzählt. Diese narrative Situation hat bei uns der Jargon erstickt. In unseren Teestuben kann man nicht einmal mehr im Kaffeesatz lesen. Für Leser ist unser Land – trotz der enormen Buchproduktion – eine Wüste geworden.

Aus dieser untergegangenen Kultur ragen vier Wände einer Kneipentoilette wie eine Ruine. Die Wände sind von oben bis unten beschrieben. Aber kein Satz gehört mehr zum anderen: katastrophaler literarischer Scherbenhaufen. Davor stehen Leute mit anderen Bedürfnissen als Lesen: lesend. Erbärmliche Reste von Biographien: „Erst hatte er ’nen forschen Pimmel, jetzt hat er einen Porsche-Fimmel.“ Matt geht hier die Deutschland-Schelte unserer Literatur zu Ende: „Deutschland übel / nach der Dübel / und verschwand / in der Wand.“ Letzte Gefechte des Agitprop: Hinterdem Reagan ohne Eil / die Pershing II ins Hinter-Geist, Schließlich Bildungsreste: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht Un-Auf der Kneipentoilette, an Hauswänden, in Unterführungen: Wandzeitungen vom Untergang, auch der Literatur.

Der Eichborn-Verlag hat aus diesen letzten Literatursplittern drei Taschenbücher gemacht: „Ich geh kaputt, gehst du mit?“, „Es wird Zeit, daß wir lieben“, „Nimm’s leicht, nimm mich.“ Als Anthologie sieht der Scherbenhaufen auf einmal aus wie eine archaische Form von Literatur: Zaubersprüche der Spontis.

Man könnte diese Zaubersprüche allerdings auch für Parolen halten. Unter dem Titel „Parole der Woche“ erinnert der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv-dokumente 2936) gerade an eine Wandzeitung im Dritten Reich, die von der NSDAP als „politische Waffe“ verstanden wurde. Die Parole der Woche um den 25. Februar 1943 (also kaum einen Monat nach der Katastrophe von Stalingrad) hieß: „Der Kampf ist hart. Wir sind härter.“ Wahrscheinlich ist diese Parole längst zu einem Zauberspruch der Spontis geworden.