Ohne den Stoff, gestand Professor Rudolf Pichlmayr sein „starkes Gefühl“, wäre seine Patientin wohl „nicht über die Runden gekommen“. So aber konnte sie Mitte Juni in München, fünf Monate nachdem ihr eine fremde Leber eingepflanzt worden war, als lebender Beweis für die Wirkkraft der Substanz werben.

Was Pichlmayr und seine Patientin an der Medizinischen Hochschule Hannover erlebten, bestätigen auch andere Transplantationsmediziner: Der Wirkstoff Cyclosporin A ist das Mittel der Wahl für zukünftige Organverpflanzungen. Jetzt hat das Bundesgesundheitsamt die aus einem Bodenpilz stammende Substanz unter dem Markennamen „Sandimmun“ (Hersteller: Sandoz) für Knochenmarks- und Organtransplantationen zugelassen.

Der Optimismus Picnlmayrs und seiner Kollegen kommt nicht von ungefähr. Das größte Problem bei Organtransplantationen ist die Unterdrückung der immunologischen Abwehr des Empfängers: Der Körper erkennt das eingepflanzte Organ als fremd und versucht es abzustoßen. Bislang versuchten die Ärzte, das Immunsystem durch eine möglichst genaue Anpassung der Gewebetypen zwischen Spender und Empfänger zu überlisten, wobei sie gleichzeitig zu einem medikamentösen Rundumschlag ausholten, der mehr oder weniger das gesamte Immunsystem der Patienten lahmlegte.

Das neue Medikament greift gezielt in das Immungeschehen ein. Cyclosporin A behindert nur die immunologisch aktiven weißen Blutzellen, die der Körper zur Abstoßung des fremden Organs mobilisiert.

Genau das Gegenteil ist bei Knochenmarkstransplantationen der Fall, einer Operation, die bei Leukämie, einer krebsartigen Erkrankung des Knochenmarks und einigen verwandten Leiden helfen soll. Denn dabei greifen immunologisch aktive Zellen aus dem verpflanzten Knochenmark die Organe des Empfängers an. Mitunter verläuft diese Reaktion so aggressiv, daß die gesamte Haut des Patienten abgestoßen sowie Darm und Leber stark geschädigt werden. „Mit Cyclosporin A“, berichtet der Chirurg Alois Gratwohl von der Berliner Universitätsklinik, „wird das Angehen des Transplantats beschleunigt, und etwa zwei Drittel der transplantierten Patienten können als endgültig geheilt betrachtet werden. Cyclosporin A hat einen wesentlichen Beitrag zu diesem guten Resultat geleistet.“

Enorme Vorteile sehen die Mediziner vor allem bei kindlichen Patienten. Nach einer erfolgreichen Transplantation wachsen beispielsweise die mit Cyclosporin A behandelten Kinder normal weiter, während bei den herkömmlichen Behandlungsmethoden immer eine starke Wachstumshemmung auftrat.

Das neue Mittel ist zwar noch nicht perfekt, erhöht aber nach Ansicht der Mediziner insgesamt die Überlebenszeiten der verpflanzten Organe deutlich, zum Teil dramatisch. Überdies erweitert das Pilzprodukt die Palette möglicher Organverpflanzungen wesentlich.