Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: „Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit Füßen fort. Die harten Brotkrusten, die übrig bleiben, sind unsere Speise, und dem Hündlein unter dem Tisch geht’s besser: dem wirft sie manchmal einen guten Bissen zu.“

So beginnt das elfte Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die durch zahllose andere Beispiele dafür gesorgt haben, daß Stiefmütter zu den klassischen Schreckbildern der Kinderstube und unserer Umgangssprache geworden sind. Stiefmütter führen Kinder wie Hänsel und Gretel in den Wald, um sie Hungers sterben zu lassen. Sie erschlagen den Stiefsohn, kochen ihn in sauer und setzen ihn dem Vater vor. Sie schicken das Stieftöchterlein barfuß in den Winterwald, wo es unterm Schnee Erdbeeren suchen soll – wer könnte diese Liste nicht noch eine Weile fortsetzen.

Sind Stiefmütter wirklich so? Kann es sich eine Gesellschaft leisten, mit solch einem wahrhaft mittelalterlichen Feindbild zu leben und Kinder aufwachsen zu lassen, die nach der Scheidung ihrer Eltern oder – sehr viel seltener – nach dem Tod der Mutter eine Stiefmutter zu erwarten haben? In den USA hat sich jüngst eine Psychologin zur Ehrenrettung der Stiefmütter erhoben. Emily Visher ist Mitbegründerin der Stiefeltern-Union von Amerika, die nach gut fünfjährigem Bestehen bereits 2000 Mitglieder zählt und diese mit Informationen und Hilfsangeboten unterstützt.

In den USA hat die Zahl der Stiefeltern dramatisch zugenommen. Das dortige Statistische Büro schätzt, daß heute 35 Millionen amerikanische Erwachsene in „Stieffamilien“ leben. Täglich entstehen allein 1300 neue Familien mit Stiefkindern unter 18 Jahren. Wenn sich die gegenwärtige Scheidungsrate nicht ändert, werden von den Kindern dieser Generation bis zu ihrem 18. Lebensjahr 45 Prozent zumindest zeitweise mit Stiefeltern oder mit einem alleinstehenden Elternteil und seinen wechselnden Partnern zubringen.

Wie ist die Situation bei uns? Die Zahl der Scheidungen stieg seit 1957 (46 000) stetig auf 109 520 im Jahr 1981 (neuere Zahlen sind vom Statistischen Bundesamt noch nicht zu erfahren). 87 857 minderjährige Kinder wurden im selben Jahr von der Scheidung der Eltern betroffen. Da rund 60 Prozent dieser Scheidungen ins erste Ehejahrzehnt fallen, sind es Kinder unter zehn. Kinder also, denen noch Grimms Märchen vorgelesen werden, die sich auf der Schallplatte das grausliche Gekreisch und Geheul vorspielen können, mit dem Schneewittchens Stiefmutter ihre Mord- und Rachepläne ankündigt.

Fachleute weisen immer wieder, wie zum Beispiel Professor Joest Martinius vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, darauf hin, daß Scheidungen bei Kindern schwere Schäden in der Sozialentwicklung nach sich ziehen. Es fällt den sogenannten Scheidungswaisen schwer, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen und dauerhafte Freundschaften zu schließen. Sie geraten häufiger als andere Kinder und Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt und wählen Drogen oder Selbstmord als Flucht und Ausweg. Jungen scheinen in dieser Lage von allem überfordert zu werden. Die geschiedenen Mütter verlangen von ihnen, daß sie sich „wie ein Mann“ benehmen.