München erlebte die Selbstdarstellung einer Tracht, die die Welt eroberte

Von Anna v. Münchhausen

Der Münchner Marienplatz, das wußte Karl Valentin in seiner Rolle als Fremdenführer ganz genau, erlebte seine Grundsteinlegung „im Jahre 1412, nachmittags um halb drei. Rechts unten liegt der Fischbrunnen, in welchem alle sieben Jahre der Schäfflertanz aufgeführt wird“.

Was an dieser Stelle am vergangenen Sonntag, 571 Jahre und ungefähr 17 Stunden später, aufgeführt wurde, war ein Jahrhundertfest: 25 000 Trachtlerinnen und Trachtler aus ganz Bayern versammelten sich, um der Gründung des ersten Trachtenvereins vor hundert Jahren zu gedenken und „Treu dem guten alten Brauch“ zu feiern.

Zehn Mitglieder des Münchner Vereins „Schmikochl“ reisten mit der U-Bahn an. Die Männer im grauen Janker, ihre braungebrannten Knie schauen zwischen bestickter Lederhose und gestrickten Stutzen im Zopfmuster heraus, über ihren Häuptern zittern großartige Gamsbärte. Den Frauen leuchten rote Nelken aus dem Mieder, und mit gegenseitiger Hilfe müssen nur noch einmal die Schleifenbänder der gestärkten Schürzen strammer gebunden werden. Nicht jede ist mit ihrem Spiegelbild im Fenster zufrieden: „Also verflixt, das soll doch nach oben stehen!“

Die übrigen Fahrgäste können derweil bei Schmikochls Kassiererin das Festzeichen erstehen und machen davon artig Gebrauch. Nur ein Ausländer versteht die maskierte Welt nicht ganz und steigt beim nächsten Halt aus.

Eine halbe Stunde später haben sich die Schmikochler längst in den großen bunten Festteppich eingewebt: Leder, Loden, Leinen, Seide, Samt und Filz, soweit das Auge reicht. Allein das Thema Hut ist in unzähligen Variationen vertreten – spitz, breit, flache dreieckig, mit und ohne Krempe, hoch oder in Form bestickter Goldhauben, winzig kleine Kappen aus Taft und schwere Mützen aus Otternfell, manche gekrönt mit Adlerflaum oder Gockerlfedern, Edelweiß, Rosen, Bändern, Bordüren und Silberschmuck.