Unser Tagebuchschreiber Eduard Wedekind, 1824 Student in Göttingen, spricht zum erstenmal mit dem Dichter Harry Heine, der sich bekanntlich später Heinrich nannte.

Pfingstsonntag, 6. Juni 1824. Abends ging ich mit Siemens zum Eichenkrug, wo wir die Nacht blieben, um am folgenden Morgen die Sonne aufgehen zu sehen. Wir blieben bis 12 Uhr auf und erzählten uns gegenseitig von den Freuden und Leiden unserer früheren Jahre. Ich sagte ihm viel, was ich nur erst wenigen gesagt habe, und ich glaube, auch Siemens hat mir viele verborgene Falten seines Herzens aufgeschlossen.

Pfingstmontag, 7. Juni 1824. Morgens um 3 Uhr stiegen wir auf die Gleichen und sahen die Sonne aufgehen. Kern Wölkchen war am Himmel. Ehe die Sonne aufging, war der Horizont so klar, daß ich das Brockenhaus ganz scharf umrissen sehen konnte. Als die Sonne eben hinter den Bergen hervorkam, blitzten längs des Horizontes helle Streifen hin, ein Phänomen, das ich noch nie bemerkt habe.

Wir waren übrigens nicht allein da oben. Außer ein paar Jungens, die immer da sind, des Nachts in einer Hütte schlafen und sich bei unserem Erscheinen aufrafften, war eine Familie Bauern heraufgestiegen. Einige von ihnen waren aus Bremke. Es freute mich recht, bei ihnen soviel Sinn für Naturschönheit zu finden; das trifft man sonst bei Bauern selten an.

Hier auf den Gleichen hörte ich den ersten Kuckuck. Auf meine Frage, wie lange ich noch leben würde, rief er 12mal. Das wäre etwas wenig; ungefähr 20 Jahre möchte ich noch leben.

Als ich nach Hause kam, wollte ich in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ lesen, war aber so müde, daß ich einschlief. Abends ging ich indessen noch nach der Landwehr mit mehreren Osnabrückern. Der Abend war wundervoll, und ich tanzte einige Male mit. Auch machte ich mit Niemann einige Partien auf dem Karussell, und später wurde ein kleines Feuerwerk abgebrannt. – Die Mädchens, die heute da waren, waren mir größtenteils unbekannt, aber recht hübsch. Es war 12 Uhr, als wir nach Hause kamen.

Dienstag, 8. Juni 1824, gingen wir wieder nach der Landwehr. Der dritte Festtag wird hier regelmäßig gefeiert; außerdem machen die Gesellen immer noch blauen Montag. Das Volk verdient hier viel und ist darum sehr üppig.