Wie heißt der schweizerische Präsident? Um die Antwort sind selbst die meisten Schweizer verlegen. Jedes Jahr erhält ihr kleines Land einen neuen Präsidenten, und schon deshalb hat es keinen Sinn, sich seinen Namen zu merken. Es gibt aber auch andere, ebenso gute Gründe, seinen Namen nicht zu kennen.

Wenn in Bern einer der sieben regierenden Bundesräte zum Präsidenten gewählt wird, kommt die schweizerische Presse nicht umhin, dieses alljährliche Ereignis zu kommentieren. Dabei klingt in vielen Leitartikeln eine Warnung an: „Die Schweiz hat einen Präsidenten, weil nun einmal jedes Land einen Staatschef haben muß, das ist nicht zu vermeiden. Aber wehe, wenn er sich während seiner ohnedies kurzen Amtszeit wie ein wirklicher Präsident gebärden sollte!“ Am liebsten hätten die Schweizer wohl gar kein Staatsoberhaupt, und der amtierende Präsident muß sich entsprechend verhalten. Mit erhobenen Zeigefinger erinnert man ihn daran, er sei lediglich der „erste unter seinesgleichen“, der primus inter pares (auf lateinisch lassen sich elitäre und egalitäre Ansprüche eleganter vermengen).

Es wäre wahrlich ein schlechtes Zeichen, wenn eines Tages die meisten Schweizer in der Lage wären, den Namen ihres Präsidenten so mir nichts dir nichts herzusagen. Und es wäre ein noch viel beunruhigenderes Indiz, wenn viele Eidgenossen nicht mehr stolz darauf wären, den Namen ihres Präsidenten nicht zu kennen. Denn es ist ja eine Auszeichnung und gleichsam ein Privileg gegenüber den bedauernswerten Deutschen, den armen Franzosen und den mitleiderregenden Amerikanern, die es sich nicht leisten können, ihren Präsidenten nicht zu kennen. Wer sich von vornherein den Namen des Präsidenten nicht merken will, bescheinigt demselben gänzliche Bedeutungslosigkeit oder – positiv ausgedrückt – völlige Unschädlichkeit. Wer aber am Präsidenten etwas auszusetzen hat, prägt sich seinen Namen ein.

Was für den schweizerischen Staatschef gilt, trifft nun weitgehend auch auf die schweizerische Regierung zu: Auch sie soll sich nach Möglichkeit so benehmen, als gäbe es keine Regierung. Müßige Minister erfreuen sich in der Regel einer größeren Beliebtheit als jene, die glauben, sie sollten etwas tun. Am besten ist es für einen Bundesrat zu Bern, er tut etwas, aber man merkt es nicht. Als der brillante und tatkräftige Berner Minister Kurt Furgler vor einiger Zeit das Wirtschaftsressort übernahm, befürchteten manche verängstigte Industrielle, Furgler werde womöglich „zuviel tun“; das sei aber nicht sein Auftrag.

Es gibt freilich keinen Grund zur Besorgnis. Die schweizerische Regierung tut nicht „zuviel“, sie stört nicht. Das belegt das Ergebnis einer in der Züricher Weltwoche jüngst veröffentlichten Umfrage: Nicht weniger als 85 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind mit ihrer Regierung zufrieden – acht Prozent sind „sehr zufrieden“, 44 Prozent sind schlicht „zufrieden“ und weitere 33 Prozent immerhin „mehr oder weniger zufrieden“. Nicht einmal jeder zehnte Eidgenosse hadert mit den Bundesräten zu Bern: sechs Prozent sind „unzufrieden“ und drei Prozent beteuern schließlich, sie seien „gar nicht zufrieden“.

Ein glückliches Volk; eine überglückliche Regierung, die ausgerechnet dafür belohnt wird, daß sie möglichst wenig regiert; ein Präsident, der fast inkognito ungeahnte Popularitätsrekorde schlägt. Nur das Völklein der Unzufriedenen erregt unser Mitgefühl: Wie schwierig ist es doch, voller Unmut zu sein, wenn alle anderen vor Zufriedenheit triefen. Denn der Anteil der Unzufriedenen reicht nur aus, „um die Zufriedenen hin und wieder zu einem Zwischentrab aufzuscheuchen“, weiß die Weltwoche. Wer erinnert sich noch daran, daß Vor nicht allzu langer Zeit in Zürich eine „Bewegung der Unzufriedenen“ die Bahnhofstraße verunsicherte? Spurlos sind die jugendlichen Aufrührer in jenen drei Prozent ganz am Ende der Statistik verschwunden. Zwischendurch ein Zwischentrab?

Die Heerscharen der Zufriedenen, die den anderen das Recht absprechen, unzufrieden zu sein, lassen sich gewiß nicht in Trab setzen. Ihre Argumentation entbehrt nicht einer erbarmungslosen Logik: „Wie kann man mit einer Regierung unzufrieden sein, die 85 Prozent der Schweizer zufriedenstellt?“

Der schweizerische Präsident heißt Pierre Aubert. Roger de Weck