Die Rentenhändler der Banken sind enttäuscht. Obwohl mehr als sechs Milliarden Mark zum 1. Juli an Zinsen an die Kundschaft ausgezahlt und weitere Milliarden durch Tilgungen frei geworden sind, konnte in den ersten Tagen nach dem Halbjahresultimo von einer regen Wiederanlagetätigkeit keine Rede sein.

Groß- und Kleinanleger’sind sich ihrer starken Stellung bewußt. Sie kennen die Finanznöte der öffentlichen Hände und wissen um ihren ständigen Geldbedarf. Renditen unter acht Prozent werden im mittleren und längeren Laufzeitbereich nicht akzeptiert. Dies um so weniger, als im Ausland, besonders in den USA, deutlich höhere Zinsen geboten werden.

Viele Kleinsparer fühlen sich überdies von den Banken „verschaukelt“. Fast übereinstimmend hatten sie zur Jahreswende von weiter sinkenden Zinsen (und damit von Kursgewinnen) gesprochen. Und was ist tatsächlich eingetreten? Ende vergangenen Jahres war der Bund bei seiner Anleihe noch mit einem Nominalzinssatz von Prozent zum Zuge gekommen. Jetzt muß er eine „Acht“ vor dem Komma bieten. Die Renditen von Inhaberschuldverschreibungen im Handel unter Banken stiegen im ersten Halbjahr 1983 von 7,82 auf 8,20 bis 8,25 Prozent.

Die Bankiers sind mit Zinsprognosen inzwischen vorsichtig geworden. Um ihrer Kundschaft aber Mut zu machen, stellen sie ihnen bis zum Jahresende einen Zinsrückgang bis 7,5 Prozent in Aussicht – wohl wissend, daß die Zinsen in der Bundesrepublik nicht hausgemacht werden, sondern in erster Linie von der Entwicklung in den USA abhängig sind. Wie der Verband öffentlicher Banken in seinem neuen Rentenmarkt-Bericht auch anerkennt, können von der Deutschen Bundesbank voraussichtlich in nächster Zeit keine expansiven Impulse erwartet werden, „zumal die Zuwachsrate der Zentralbankgeldmenge zur Zeit immer noch auf Jahresbasis gerechnet bei knapp zehn Prozent und damit um drei Prozentpunkte über dem oberen Rand des Geldmengenkorridors liegt“.

In der Vergangenheit haben deutsche Anleger Milliardenbeträge in ausländischen festverzinslichen Papieren angelegt, hauptsächlich in Dollar-Bonds, deren Zinsniveau um 3 bis 3 1/2 Prozent über dem inländischen liegt. Wenn der Abfluß in den letzten Wochen geringer geworden ist, hängt dies zweifellos mit dem hohen Dollar-Kurs zusammen,der – genau wie die Zinsen – nicht den Verlauf genommen hat, den ihm deutsche Bankiers noch vor einigen Monaten prognostiziert hatten.

Der feste Dollar ist sicherlich zu einem wesentlichen Teil zinsbedingt. Warum sollen sich insbesondere Ausländer mit den niedrigen deutschen Zinsen zufrieden geben, wenn ihnen im „sicheren“ Land USA erheblich mehr geboten wird. Der Zustrom von Auslandsgeld in die Bundesrepublik ist in jüngster Zeit – soweit es festverzinsliche Papiere betrifft – minimal geworden. Es ist zu beobachten, daß Ausländer bei Geldbedarf – und das gilt für eine Reihe von Opec-Ländern – vorzugsweise ihre in Mark gehaltenen Anlagen auflösen.

Unter den gegebenen Umständen kann es in der Bundesrepublik eine neue Zinssenkungsrunde nur dann geben, wenn entweder die Zinsen in den USA – wie der amerikanische Finanzminister Donald Regan ankündigt – zurückgenommen werden oder das Vertrauen in den Dollar zu schwinden beginnt.

Auf einen nennenswerten Zinsrückgang in den USA zu setzen, wäre geradezu leichtfertig, wenn man sich vor Augen hält, daß ein Etatdefizit von 200 Milliarden Dollar zu finanzieren ist. Dazu brauchen die USA Kapital aus aller Welt. Ob die enorme Staatsverschuldung letztlich am Ruf des Dollar kratzen wird, wie manche meinen, bleibt abzuwarten. Kurzfristig bestimmt nicht. K. W.