Von Margarete Dörr

Seit 1980 werden in Baden-Württemberg die Lehrpläne wieder revidiert, obwohl die jetzt geltenden erst 1978, zum Teil sogar erst 1981/82 in Kraft traten. Angeblich haben Eltern, Lehrer und Schüler schlechte Erfahrungen mit den „curricularen“ Lehrplänen gemacht. Nachprüfbar sind die Beschwerden freilich nicht; man fragt sich auch, wie begründet sie nach so kurzer Zeit sein können. Jedenfalls soll Schluß sein mit allem, was nur von ferne nach „Curriculum“ aussieht. Der „gesunde Menschenverstand“ soll wieder bestimmen, was und wie gelernt wird.

In die Revisionskommissionen wurden jeweils vier Lehrer „von der Front“ berufen. Auf die Mitarbeit von Fachleuten, die etwa auf Grund ihrer Tätigkeit in der Lehrerbildung pädagogische Reflexion mit eigener Unterrichtserfahrung verbinden, hat das Ministerium verzichtet. Die Praktiker waren wohl von der ministeriellen Steuerungskommission leichter an der kurzen Leine zu halten. Zahlreiche detaillierte Vorgaben sorgten dafür, daß sie von den Intentionen des Ministeriums nicht abwichen. Die interessierte Öffentlichkeit wurde über diese Intentionen wiederholt aufgeklärt. Da ging es um eine „Entlastung vom Stoffdruck“ und die „Sicherung des pädagogischen Freiraums“, um einen „Grundkanon unverzichtbaren Wissens“, um „verbesserte Sinnorientierung“, eine „bessere Hilfe zur Lebensbewältigung“, um „erziehenden Unterricht“, der sich, „wo immer möglich, den Interessen der Schüler anschließt“, um „aktive, auf lebendiger Erfahrung aufbauende Formen des Wissenserwerbs“, um eine „pädagogisch sinnvolle und altersgemäße Abfolge der Lernstoffe“, um „Abstimmung zwischen den Unterrichtsfächern durch zeitliche und thematische Querverbindungen“.

Jeder, dem an einem guten Unterricht gelegen ist, wird diesen Absichten nur zustimmen können. Sie sind ja nicht neu; so ähnlich sagt es die Fachdidaktik seit mindestens zehn Jahren. Auch das Ergebnis der Revisionsbemühungen scheint einhellig gebilligt zu werden, wenn man der Landespresse glaubt, es gibt aber guten Grund, ihr nicht zu glauben und es gibt guten Grund anzunehmen, daß nicht viele der Betroffenen den Lehrplan Geschichte gelesen haben – Lehrpläne sind nach wie vor keine anregende Lektüre.

Über einen „Grundkanon unverzichtbaren Wissens“ läßt sich trefflich streiten. Man kann immer beklagen, daß dies und jenes fehlt, dies und jenes zu kurz gekommen ist. Darum kann es bei der Beurteilung also nicht gehen. Wohl aber ist die Gesamtgewichtung überprüfbar. Stimmt sie noch, wenn auf der Mittelstufe der Blick bis ins 20.

Jahrhundert hinein nach Osten gerade bis zur Elbe reicht, Polen und Österreich nicht vorkommen, Rußland erst mit der Oktoberrevolution erscheint und seine Geschichte mit Stalin endet? Fremde Kulturkreise werden nur als in ihrer Beziehung zu Europa, etwa im Zusammenhang mit den Kreuzzügen oder mit den Entdeckungen, wahrgenommen. China wird im Pflichtteil nicht beachtet, der islamische Kulturkreis nur in einem Zusatzangebot, das der Lehrer aus Zeitnot mit größter Wahrscheinlichkeit nicht nützen kann. Ist es angesichts dieser Lücken vertretbar, daß sich die Zwölf- bis Sechzehnjährigen in den insgesamt 240 Geschichtsstunden, die zur Verfügung stehen, mehr als 40 Stunden mit dem Mittelalter – im wesentlichen beschränkt auf den „deutschen“ Raum – und über 30 Stunden mit der preußisch-deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert befassen sollen?

Die für alle verpflichtenden Grundkurse auf der Oberstufe schließen die Lücken nicht. Sie bleiben auf Deutschland zentriert, obwohl die in den siebziger Jahren beschlossene Kürzung der Stundenzahl zurückgenommen wurde und Geschichte auf der Oberstufe wieder durchgehend mit zwei Wochenstunden unterrichtet wird. Da wäre genug Zeit, den engen nationalen Rahmen zu verlassen.