Von Christian Schmidt-Häuer

Gegen Ende der siebziger Jahre versuchte ich in Moskau, Stalins graue Eminenz, den uralten, zur Unperson gewordenen Ex-Außenminister Molotow aufzusuchen. Weil es in der Sowjetunion keine offen ausliegenden Telephon- und Adreßbücher gibt, rief ich die Auskunft der Sowjetunion versicherte mir das junge Fräulein vom Amt, sie habe den Namen Molotow noch nie in ihrem Leben gehört.

Bei anderer Gelegenheit traf ich einen Sowjetbürger, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, noch lebende Zeitgenossen der Stalin-Ära über ihre Erinnerungen zu befragen. "Wissen Sie", so noch er, "wer nicht lange vor Ihnen hier auf dem Sofa gesessen hat? Die Witwe Bucharins, den Stalin 1938 hinrichten ließ. Und mit ihr zusammen habe ich jenen Mann interviewt, der seit 1937 als eine Art hinrichten die ausländischen Zeitungen über die Schauprozesse täuschen mußte. Ist Ihnen übrigens bekannt, daß der Sohn Bucharins, der damals seiner Mutter weggenommen wurde, weil sie ins Lager kam, erst im Alter von etwa zwanzig Jahren erfuhr, wer seine Eltern wirklich waren?"

Solche "unersonnenen Geschichten", die im Strom der Historie und der aktuellen Nachrichten untergehen, tragen mehr zum Verständnis der ein Menschenleben alten Sowjetunion bei als die meisten Kreml-Analysen. Ein Musterbeispiel dafür ist dieses unauffällige Bändchen:

Lew Kopelew: "Kinder und Stiefkinder der Revolution – Unersonnene Geschichten"; Deutscher Taschenbuchverlag, München 1983; 210 S., DM 12,80.

Nach seinen autobiographischen Büchern hat der 1980 ausgebürgerte Germanist hier kleine Biographien und Schicksalsmomente von Menschen niedergeschrieben, die seinen Weg kreuzten. Kopelew führt nicht durch das rote Meer der Revolution von den Fraktionskämpfen bis zu Stalins Massenterror; er zeichnet nach, wie das Leben parallel dazu in der Provinz verlaufen ist. Er fängt dabei die Stimmung vom pubertären Revolutionspathos bis zum Ende aller Ideale ein – so irreal, wie sie wohl oft gewesen ist: schwankend zwischen halb bukolisch, halb proletarischen Vagantenstücken und todtrauriger Moritat.

Glanzstück ist die Geschichte von Wasja Petrik, dem Sohn eines Schmiedes aus einem weißrussischen Dorf. Seine frühe Liebe zum Lesen entzückt die Frauen: "Wasja, du mußt Pope werden ... Vielleicht küssen wir dir noch die Hand!" Er kommt zwecks besserer Ausbildung zu einem Onkel an den Donbas, tritt in den Komsomol ein, und wird zum Arbeiterkorrespondenten der Wandzeitung gewählt. Für sie schreibt er Gedichte, Notizen und Feuilletons über "Trunkenbolde, Faulenzer, Bürokraten und Speichellecker". Wasja verliebt sich in eine Komsomolzin, will sie gleich heiraten und wird konsequent revolutionär abgewiesen als "eigentumsüchtiges Hausherrchen". Daraufhin betrinkt er sich zum erstenmal und erhält einen Verweis wegen "Überbleibseln an bäuerlicher Psyche" – so streng waren damals noch die Bräuche!