Wie eine kleine Armee von Vogelschützern die beiden letzten brütenden Seeadlerpaare rund um die Uhr bewacht

Von Carl-Albrecht v. Treuenfels

Hätte vor hundert Jahren der Gutsförster Davids aus Marutendorf am schleswigholsteinischen Westensee gewußt, daß im Jahr 1983 der in Staatsdiensten stehende Kollege Schwartzkopff vom Landesforstamt Eutin sich etwa acht Monate alljährlich ausschließlich um das Wohl und Wehe von ganzen drei wildlebenden Seeadlerpaaren kümmern muß, dann hätte er vielleicht Maß gehalten. Doch vor hundert Jahren glaubte er – wie andere Jäger ebenfalls – noch, aus dem vollen schießen zu können. Und so brachte er es auf einen traurigen Rekord: Zwischen 1874 und 1905 erlegte allein er nicht weniger als 96 Seeadler. Sie galten damals, wie alle übrigen Krummschnäbel, als schädliche „Raubvögel“.

32 Jahre würden die derzeit letzten drei bundesdeutschen Seeadlerpaare benötigen, um 96 Junge bis zur Selbständigkeit aufzuziehen. Vorausgesetzt, sie würden so viel (oder so wenig) Nachwuchs haben wie in diesem Jahr: In einem Horst wurden zwei, in einem anderen wurde ein Jungadler groß, das dritte Paar hat die Brut aufgegeben. Mit durchschnittlich einem Jungen pro Paar erreichten sie somit ein von Zoologen als Norm angesehenes Ergebis, obwohl aus norwegischen Seeadlerhorsten nicht selten drei Jungadler ausfliegen.

Die mit einer Flügelspanne von bis zu zweieinhalb Metern größten nordeuropäischen Greifvögel brüten bei uns nur noch in Ostholstein. Das Land zwischen Nord, und Ostsee bietet mit seinen vielen Seen und Buchenwäldern dem Wappenvogel der Bundesrepublik Deutschland eigentlich ideale Voraussetzungen. Hier fand er, wie durch Ausgrabungen belegt ist, Jahrtausende hindurch genügend Wasserflächen, auf denen er ungestört seine Hauptbeute verfolgen und schlagen konnte: Wasservögel und Fische. Und hier wachsen auch heute noch alte und entsprechend starke Laubbäume, auf denen er seinen gewaltigen Horst errichten kann.

Das Land war früher für den Vogel, der heute als schwarzweiße Silhouette die grün umrandeten Hinweisschilder auf Natur- und Landschaftsschutzgebiete in der ganzen Bundesrepublik ziert, so attraktiv, daß im Winter viele Seeadler aus dem Norden hier ihr Quartier aufschlugen. Auch heutzutage tauchen noch Zuwanderer, zumeist Jungvögel, im Winter auf. Doch hat ihre Zahl im gleichen Verhältnis abgenommen wie die der standorttreuen Brutpaare. Denn so wie in Schleswig-Holstein ging es mit den Seeadlern in den meisten ihrer europäischen Heimatländer während der letzten drei Jahrzehnte bergab. In Schweden, Finnland, Norwegen, in der DDR und in Polen wurden besonders zwischen 1950 und 1970 die Brutpaare und – in noch stärkerem Maß – die erfolgreichen Bruten immer weniger. Aus Dänemark, wo um 1850 noch rund 50 Paare gebrütet hatten, und von den einstmals an den Küsten gut besiedelten Britischen Inseln verschwanden die Tiere völlig.

Als nach 1960 auf Grund zunehmender erfolgloser Brutversuche dem großen Greif das gleiche Schicksal in Schleswig-Holstein, an seiner westlichsten Verbreitungsgrenze, drohte, schlugen Naturschützer Alarm. Den ersten Anstoß gaben 1964 allerdings nicht Deutsche, sondern Niederländer, die dafür sorgten, daß der Internationale Rat für Vogelschutz, der World Wildlife Fund (WWF) und der international anerkannte Wildbiologe und Greifvogelspezialist Heinz Brüll aktiv wurden. 1968 schließlich wurde das Seeadler-Schutzprojekt auf Kiel gelegt. Das Startkapital von 7513 Dollar brachte der WWF durch Spenden aus den Niederlanden, aus Deutschland, Belgien und den Vereinigten Staaten auf. Geld war und ist auch heute noch für die Durchführung des Seeadlerprogramms notwendig.