Sehr geehrte Frau Merck,

ich möchte Ihnen gern auf Ihren in der ZEIT vom 24. Juni veröffentlichten Brief antworten.

Sie verkürzen meine Wormser Ausführungen zur Friedensfrage in zwei entscheidenden Punkten. Einmal habe ich gesagt, daß Mehrheitsentscheidungen bei uns nur in einem rechtsstaatlich gesicherten Verfahren stattfinden dürfen, das heißt konkret: Die Mehrheit darf sich beispielsweise nicht über die im Grundgesetz garantierten Grundrechte und Menschenrechte hinwegsetzen. Das Bundesverfassungsgericht wacht darüber, daß dies nicht geschieht. Eine „uneingeschränkte Anerkennung von Mehrheitsentscheidungen“ habe ich gerade nicht gefordert.

Und zum zweiten: Ich habe gesagt, daß nach meiner Kenntnis zahlreiche Befürworter einer Stationierung von Atomraketen für den Fall, daß die Abrüstungsverhandlungen nicht zum Ziele führen, aus Gewissensgründen handeln, weil sie nämlich nach reiflicher Überlegung davon überzeugt sind, daß dies ein Mittel ist (nach Ansicht vieler das einzige Mittel), um den Frieden zu erhalten. Wer glaubt, daß der Ausbruch eines Krieges durch ein Gleichgewicht der Kräfte verhindert werden kann, darf dies nach meiner Meinung guten Gewissens glauben, er hat zudem viele rationale Argumente auf seiner Seite, unter anderem auch, daß dieses System den Frieden in Europa 38 Jahre lang bewahrt hat.

Ich habe versucht, diese These ausführlich auch an Hand von Beispielen (Afghanistan, Falklandkrieg) zu begründen. Niemand hat sich die Mühe gemacht, diese Argumente zu widerlegen, auch Sie tun es nicht. Statt dessen sprechen Sie von formalen, substanzlosen Antworten, die ich gegeben hätte, und von Mangel an Offenheit und Mut.

Ich meine, zur Demokratie gehört auch die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören, ihm richtig zuzuhören, und auf seine Argumente einzugehen.

Wenn Sie, wie Sie schreiben, auf die Straße gehen wollen, um zu demonstrieren, so ist das Ihr gutes Recht. Unsere Verfassung gewährleistet friedliche Demonstrationen. Aber verlangen Sie bitte nicht, daß unser Land durch Demonstrationen regiert wird. Wir haben eine funktionierende rechtsstaatliche Demokratie seit 34 Jahren. Entscheiden wir die anstehenden politischen Fragen nach ihren Regeln – bessere gibt es nicht.