Noch beherrschen Newcomer die Szene

Von Heinz Blüthmann

Die Umzingelung hat begonnen. Ob auf Bahnhöfen, in Kaufhäusern, Discotheken, Jeans-Shops oder Arztpraxen – überall kann es Reisenden, Kunden, Gästen oder Patienten heute schon passieren: Plötzlich und unerwartet flimmert und tönt da ein TV-Programm und heischt um Aufmerksamkeit. Oder gänzlich unübersehbare Monitor-Wände mit sechs, acht oder noch mehr TV-Schirmen verlegen mit Color und Stereosound Passanten den Weg – Litfaßsäulen und Plakate wirken gegen ihre modernen Kollegen der elektronischen Art wie Museumsstücke.

Eine neue Form völlig privater Fernsehprogramme ist in aller Öffentlichkeit hierzulande an den Start gegangen: Die Macher sind nicht große Konzerne, sondern meist Newcomer mit Goldgräbermentalität. Sie hoffen auf eine Neuverteilung der Werbe-Milliarden von Handel und Industrie und wollen sich ihre Scheibe vom Dreizehn-Milliarden-Mark-Kuchen abschneiden. Die Novität, die sie bieten, kann der werbetreibenden Wirtschaft nicht gleichgültig sein: Auch fernab vom heimischen Gerät kann der Konsument mit TV-Werbung für Zigaretten, Eiscreme und Waschmittel berieselt werden – und mitunter direkt am Ort des Geschehens zu spontanem Kauf verführt werden

Während sich Politiker, Verleger und Juristen noch darüber streiten, ob in der Bundesrepublik neben den öffentlich-rechtlichen Anstalten von ARD und ZDF auch private Programm-Macher zugelassen werden sollen, während auf mehrere Jahre angelegte teure Kabelpilotprojekte in München, Mannheim/Ludwigshafen, Berlin und Dortmund zur Klärung dieser Streitfrage in Vorbereitung sind, schafften mutige Unternehmer in Koblenz, Essen, Hamburg und Berlin bereits Tatsachen. Mit einem einfachen Trick umgingen sie das öffentlich-rechtliche Fernsehmonopol, ohne gegen geltendes Rundfunkrecht zu verstoßen: Die Programme wie "Journal Koblenz 1", "Ruhr Tele Magazin 1", "Video-Point" und "Hanse Journal 1" kommen nicht von Sendemasten, sondern von einer Videocassette und werden direkt vom Videorecorder auf einen oder mehrere TV-Schirme übertragen.

Werbung ohne Grenzen

Das private Straßen-TV mit Standorten unter freiem Himmel, das im vergangenen Sommer in Koblenz Premiere feierte und von der Ruhr-Zeitung eingeführt wurde, hat bisher die meisten Fernseh-Newcomer angelockt. Wie Deutschlands größte Werbeagentur Lintas in der ersten Studie über den neuen Werbemarkt jetzt feststellte, gibt es zur Zeit schon "mindestens zwölf Anbieter in verschiedenen Städten, und ihre Zahl wächst ständig". Als einer der bislang letzten kam Ende Mai die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) dazu.