Mit siebenundzwanzig Jahren wurde David Friedrich Strauss durch sein „Leben Jesu“ (1835) der berühmteste Theologe seines Jahrhunderts und erhielt eben wegen dieses Buches für jede kirchlich-akademische Karriere ein lebenslängliches kirchlich-staatliches Berufsverbot. Denn mit der Historizität der neutestamentlichen Berichte über Jesus schien Strauss auch den Glauben an Jesus als den Christus preisgegeben zu haben. Dabei hat Strauss bezüglich des Verhältnisses des historischen Jesus zum verkündeten und geglaubten Christus wesentliche Fragen aufgeworfen, die unabhängig von seiner persönlichen Glaubens- beziehungsweise Unglaubensentscheidung auch heute noch Beachtung verdienen.

Das beginnt gleich bei der Empfängnis Jesu. Die Evangelisten Matthäus und Lukas können nicht einerseits beweisen wollen, daß Jesus durch seinen Vater Josef von David abstammt, und andererseits behaupten, daß Josef gar nicht der Vater Jesu war. Die Jungfrauengeburt bei Matthäus und Lukas – nur bei diesen beiden findet sie sich – ist nach Strauss eine mythisch-poetische Legende, eine Konstruktion, die in einer konkreten Szene eine Idee bildhaft zum Ausdruck bringt. Zudem entspricht sie der Neigung der antiken Welt, berühmte Leute als Göttersöhne darzustellen. Strauss verweist auch auf Platons Schwestersohn Speusippos, der eine in Athen verbreitete Vorstellung erwähnt, nach der Platon ein Sohn des Apollo gewesen sei: Bis zu Platons Geburt habe Platons Vater sich der Gemeinschaft mit der Gattin Periktione enthalten. „Auf gleiche Weise“, sagt Strauss, beschränke sich die Legende von Jesu Jungfrauengeburt auf die Jungfräulichkeit Mariens bis zur Geburt Jesu: „Josef erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte, und er gab ihm den Namen Jesus“ (Matthäus 1,25). Die bei Markus 6,3 und Matthäus 13,55 erwähnten Brüder und Schwestern Jesu jedoch werden in nachneutestamentlicher Zeit zunächst als Stiefgeschwister Jesu angesehen, bis sie schließlich Hieronymus (um 400) zu bloßen Vettern und Cousinen degradiert und auch Josef für lebenslänglich jungfräulich erklärt. Ja, auch während der Geburt Jesu habe Maria ihre Jungfräulichkeit nicht verloren, meint der Kirchenvater Chrysostomus um 400. Maria also Jungfrau vor, in und nach der Geburt Jesu, „eine hübsche Leiter des Glaubens und beziehungsweise Aberglaubens in Bezug auf das Verhältnis zwischen Maria und Josef“ (Strauss).

Und so arbeitete sich Strauss Schritt für Schritt vor. Jesus ist nicht in Bethlehem geboren, sondern vermutlich in Nazaret. Der Geburtsort Bethlehem wurde aus der Prophetenstelle Micha 5,1 herausgewoben, wie überhaupt die Hauptquelle für die Legendenbildung des Neuen Testaments nach Strauss das Alte Testament ist. So reitet z. B. laut Matthäus 21,7 Jesus gleichzeitig (!) auf zwei Eseln in Jerusalem ein (auf einem Esel und einem Füllen), weil Matthäus aus der alttestamentlichen Stelle Sacharja 9,9 irrtümlich zwei Esel herauslas. Der Bethlehemitische Kindermord fand nicht statt: „Durch Mordanschläge und Aussetzungen hat von jeher die Sage die Kindheit großer Männer verherrlicht: Je größer die Gefahr, die über ihnen schwebte, desto höher scheint ihr Wert zu steigen. Siehe Moses, Cyrus, Romulus, Augustus.“

Strauss demontiert nicht nur den historischen Wert der Kindheitsgeschichten – das hatten schon andere vor ihm begonnen –, sondern er erklärt die gesamte Darstellung der Evangelisten als von Sagen und Legenden durchsetzt und damit als weithin unhistorisch. Bezüglich der Wundergeschichten hat Strauss nach seiner Methode sorgfältig sowohl die übernatürliche Erklärung der konservativen Theologen als auch die natürliche der aufgeklärten ad adsurdum geführt und somit alle untereinander verfeindeten Theologen gegen sich als den eigentlichen Feind aufgebracht, denn beide, Konservative und Aufgeklärte, hielten, wenn auch auf verschiedene Art, an der historischen Zuverlässigkeit bzw. dem historischen Kern der neutestamentlichen Wunderberichte fest. Strauss hingegen bleibt schließlich vor einem Scherbenhaufen sitzen. Der evangelische Theologe Karl Barth wirft Strauss deswegen „systematische Impotenz“ vor. „Straussens Können beschränkt sich darauf ... das Schiff der Dogmatik... mit Mann und Maus untergehen zu lassen“ (Barth). Er unternimmt keinen Versuch, ein neues Jesusbild zusammenzukleben. „Wer einmal vergöttert ist“, meint er, „hat seine Menschheit unwiederbringlich eingebüßt. Es ist ein eitler Wahn, daß aus Lebensnachrichten, die, wie unsere Evangelien, auf ein übernatürliches Wesen angelegt sind, sich durch irgendwelche Operation ein natürliches, in sich stimmendes Menschen- und Lebensbild herstellen lasse ... Alle Bemühungen neuester Bearbeiter des ‚Lebens Jesu‘, so ruhmredig sie auch auftreten mögen, an Hand unserer Quellenschriften eine menschliche Entwicklung, ein Werden und Wachsen der Einsicht, eine allmähliche Erweiterung des Gesichtskreises bei Jesus nachzuweisen, geben sich durch den Mangel jeder Handhabe in den Urkunden als apologetische Künsteleien ohne jeden historischen Wert zu erkennen“. Strauss-Worte übrigens, die heute vor allem in der evangelischen Theologie – dank Formgeschichte und Bultmanns Entmythologisierung des Neuen Testaments – weitgehend akzeptiert werden, ohne daß man dadurch, und das ist der Unterschied zu Strauss, den christlichen Glauben in seiner Substanz angetastet sieht.

Straussens Darlegungen über die Gesetze bei der Entstehung von Anekdoten und Sagen, seine Beobachtungen über den „falschen Obersatz, daß, wer nur ausführlicher und anschaulicher erzähle, der genauere Referent, der Augenzeuge sei“, etwa in bezug auf die Frau, die Jesus salbte (große Sünderin nach Lukas, unbescholtene Person nach Matthäus und Markus, die angesehene Maria von Bethanien nach Johannes), sind unbestechlich und führen zur Destruktion liebgewonnener Harmonisierungsversuche der voneinander abweichenden Darstellungen der vier Evangelisten.

Nebenbei bemerkt: Dieser scharfe Beobachter bringt viele Details, welche die Zweiquellentheorie (die unter anderem besagt, daß Markus eine Quelle für Matthäus und Lukas ist), die heute praktisch von allen evangelischen und katholischen Theologen akzeptiert ist, als mit einem Fragezeichen zu versehende erscheinen lassen. Strauss ist noch immer eine Fundgrube für den neutestamentlichen Exegeten.

„Als literarisches Werk gehört Straussens erstes Leben Jesu zum Vollendetsten, was die wissenschaftliche Weltliteratur kennt. Über eintausendvierhundert Seiten, und kein Satz zu viel. Ein Zerlegen bis in die geringsten Details und kein Sichverlieren in Kleinigkeiten“, urteilt Albert Schweitzer in seiner „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Generationen von Theologen haben bis heute nicht die Konsequenzen von Straussens Wahrhaftigkeitsdrang darzulegen vermocht. Die meisten Theologen verlangen immer noch, „daß man ihnen ein oder zwei Wünderchen beläßt... Er war nicht der Größte und nicht der Tiefste unter den Theologen, aber der Wahrhaftigste“ (Schweitzer). „Der Name Strauss“ ist „das böse Gewissen der .Neueren Theologie“ geblieben (Barth). Uta Ranke-Heinemann

Uta Ranke-Heinemann ist Professor für Neues Testament und alte Kirchengeschichte an der Universität Duisburg