Von Rolf Zundel

Bonn, im Juli

Die CDU-Politiker in Bonn bedenken in diesen Tagen den Vorsitzenden der bayerischen Schwesterpartei mit einem Begriff, der ihnen in den vergangenen Monaten zur Bezeichnung der Politik des Münchner Ministerpräsidenten kaum in den Sinn und noch weniger auf die Zunge gekommen wäre, schon gar nicht im Privatgespräch: "Konstruktiv".

Daß Franz Josef Strauß den Milliarden-Kredit für die DDR, wie er selber sagt, "eingefädelt" hat, daß er die Aktion nun gegen den Verdacht verteidigt, irgend jemand in Bonn, gar der FDP-Vorsitzende, hätte mehr dazu beigetragen, als dem politischen Genie aus Bayern freien Lauf zu lassen, und daß er das Geschäft von seinen Getreuen als staatsmännische Veranstaltung feiern läßt – all das wird in Bonn mit einigem Behagen zur Kenntnis genommen. Die etwas turbulenten bayerischen Begleiterscheinungen stören dabei das Vergnügen nicht. Im Gegenteil, dieses "Bauerntheater" sieht man ganz gern, vor allem deshalb, weil es am richtigen Platz aufgeführt wird – in München und nicht in Bonn.

Tatsächlich hielt die Bundesregierung die Kreditabsprache im Vorfeld des Kohl-Besuchs in Moskau rar sehr nützlich: als handfesten Beweis für ihre erklärte Absicht, die Zusammenarbeit mit den Ländern des Ostblocks und vor allem mit der DDR fortzusetzen – auch als Maßnahme zur Schadensbegrenzung nach der Stationierung. Und sie ist, das meinen Gewährsleute der Regierung, in Moskau auch aufmerksam registriert worden. Die Operation hatte allerdings zwei Risiken:

Sie konnte erstens in der deutschen Öffentlichkeit, vor allem in der Klientel der Union, "mißverstanden" werden. Ein Beispiel für dieses "Mißverständnis" ist der bisherige CSU-Abgeordnete Handlos, andere Beispiele liefern die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt. So ambulant hatte man sich die Prinzipien der Unionspolitik denn doch nicht vorgestellt. Handlos zitierte in seinem Austritts-Schreiben an Strauß empört das CSU-Programm, wo vom Grundsatz Leistung und Gegenleistung die Rede und die Warnung enthalten ist: "Willfährigkeit gegenüber den Wünschen der kommunistischen Regierungen kann keine Aussöhnung mit den von ihnen unterdrückten Völkern bringen." Ein Kommentator der FAZ bemerkte mißmutig: "Die Empfänger der westdeutschen Bank-Milliarden dürfen sich ... ins Fäustchen lachen." Und sogar der Chefredakteur der Welt, Herbert Kremp, sonst ein einfühlsamer Interpret der Strauß-Strategie, zeigte sich ratlos: Die Erklärung von Franz Josef Strauß, er sei so schnell im Handeln, "daß andere mit dem Schauen gar nicht mehr nachkommen", führe aus dem Erstaunen nicht heraus.

Das zweite Risiko: Es ist keineswegs sicher, ob sich die politischen Erwartungen auch erfüllen werden, die sich an den Kredit knüpfen. Die FAZ quälen düstere Vorahnungen: "Eher wird Honecker versuchen, von den Schwachgewordenen nach dem Gelde auch noch seine Status-Forderungen bewilligt zu bekommen." Tatsächlich hängt die Fähigkeit und Bereitschaft der DDR zu menschlichen Erleichterungen nicht nur vom deutsch-deutschen Verhältnis, sondern vom politischen Klima zwischen den Blöcken ab. Und was das Verfahren "Leistung gegen Gegenleistung" angeht, so war es als öffentlich proklamiertes Prinzip immer schon unpraktikabel: die DDR achtet peinlich darauf, daß ihr Entgegenkommen immer wie eine souveräne Entscheidung aussieht.