ARD, Mittwoch, 6. Juli: „Dazwischen Fernsehspiel von Doris Dörrie (Regie) und Suse Reichel

Ich möchte mit den wesentlichen Kräften des deutschen Films neue Wege konzipieren“: Der so sprach, wird am Fernsehspiel „Dazwischen“ kaum seine Freude, gehabt haben – und das schon deshalb, weil im Unterschied zu dem mit wesentlichen Kräften neue Wege konzipierenden Friedrich Zimmermann die beiden für das Drehbuch verantwortlichen Autorinnen, die Kühnheit hatten, ihren Text in deutscher Sprache zu formulieren: Junge Leute, teens und twens, redeten auf eine Weise, sanft exakt und verhalten, die das Kunstgeschwätz der Politiker, die Leerformel-Rede mit ihren geschraubten Phrasen, zum Gespött machte.

Dazwischen: Die Geschichte einer Sechzehnjährigen, die zwischen den Eltern lebt, zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Unsicherheit und einer zumindest in der Möglichkeitsform erfahrenen Gewißheit: „Ja, so könnte ich sein.“

Da geht eine, die alle Welt lieben möchte, den Vater, die Mutter und deren Freund, da geht eine daran, in erster Liebeserfahrung, Eifersucht und Enttäuschung sie selbst zu werden.

Kein eben neues Thema, gewiß nicht – aber wie es bewältigt wird, unaufdringlich und im spielerischen Nebenbei, das ist außerordentlich: Wie die sechzehnjährige Laura durch ein rührend-unbeholfenes Herumstaksen im Lokal („für wen war noch das Kölsch?“) Verwirrung, gepaart mit Anmut, demonstriert; wie sie, auf der Fahrt zum Freund, mit dem Klunker posiert, der keß vom Ohr herabbaumelt, und den gleichen Klunker blitzschnell herunterreißt, als sie ihren Felix bei der Reparatur einer Waschmaschine antrifft („mein Gott, ich alberne Gans, das paßt ja überhaupt nicht, was ich mir da ausgedacht habe“: eine einzige Geste an Stelle langer Meditationen); wie Laura zweimal einen Hut anprobiert und die Manier, in der sie es beide Male tut, den Reifeprozeß einer ernsten Naiven auf dem Weg zu einer der Selbstironie fähigen jungen Frau verdeutlicht: Das alles zeugt von souveräner Beherrschung der Fähigkeit, das Unscheinbare stellvertretend fürs Allgemeine in Szene zu setzen.

Gut, es gibt auch Einwände: Das geschiedene Elternpaar wird allzu stereotyp, mit Hilfe krasser Antithesen, dargestellt. (Sie raucht und er tut’s nicht; sie ist Jazzsängerin, er baut Modellflugzeuge; sie liebt die Bohème und er das Wandern; sie hat einen Freund, dem die Bierflasche steht, er hingegen lebt einsiedlerisch und korrekt, auf der Suche nach der verlorenen Zeit.) Kein Zweifel, die mittlere Generation ist schematischer als die junge gezeichnet. Die aber, vertreten durch unbekannte, glänzend vorbereitete Schauspieler spricht und spielt mit einer Sicherheit an der Grenze von Wirklichkeit und Poesie, Alltag und Traumreich, daß alle guten Geister Salingers und Plenzdorfs mit ins Spiel kommen, wenn Laura, fasziniert und betroffen, die Sprühkünstler bei der Arbeit beobachtet, den Freund und die Konkurrentin.

Und dabei – mit Ausnahme des gar zu tiefsinnigen, ins Märchenhaft-Bedeutungsvolle geratenen Schlusses: Wie witzig, knapp, treffsicher und lustig war das gemacht. Die große Traurigkeit, weggewischt durch ein Kopfschütteln oder einen Fußtritt, alte Worte wie zärtlich, sanftmütig, verletzlich durch Bilder, die andeuteten und nicht ausmalten, wieder in ihre Rechte gesetzt.