Futurologen und Historikern gemeinsam ist die Faszination durch das Unfaßbare. Intuition darf beiden nicht fremd sein. Ebensowenig jene Phantasie, die „wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter“ ist. Propheten sind sie allesamt mit Blick nach vorne und mit Blick zurück. Was sie trennt, ist der Wahrheitstest. Dem Historiker bleibt er erspart. Der Zukunftsforscher ist ihm lebenslänglich ausgesetzt.

Herman Kahn, hochsensibler und blitzgescheiter Koloß à la Orson Welles, wußte, aber scherte sich nicht darum. Als „nuklearer Clausewitz“ dachte er laut (in Form von 44 akribisch dargestellten Eskalationsstufen) das Undenkbare: Ein Atomkrieg müsse möglich sein, damit Abschreckung wirksam wird. Dann wandelte sich Mr. Strangelove, der konkrete Furcht verbreitete, zum Mr. Wonderland, der nurmehr präzise hochrechnete, hochstimmte und hoffte. Auch zum Anti-Apokalyptiker, der den „defätistichen“ Thesen vom möglichen Kollaps unserer Zivilisation, wie sie der „Club of Rome“ verbreitete, eine schöne neue, statistisch heile Welt des Reichtums für alle entgegenhielt. Der plötzliche Tod im Alter von 61 Jahren befreit den Direktor des New Yorker Hudson-Instituts jetzt von aller Beweislast für seine „optimistische, fortschrittsorientierte, aber realistische Perspektive“, wie er es nannte. Das „postindustrielle Zeitalter“, in das Kahn mit schwungvoll-ungebrochenen Wachstumskurven über die Schwelle des Jahres 2000 hineinführte, wird nun ohne ihn stattfinden. Oder sogar gar nicht.

Bis zu seinem Tod schleppte Herman Kahn viele Esel auf Minarette hinauf, ohne sich darum zu kümmern, wie sie auch wieder hinunterkommen könnten. Er beschrieb Riesen, ohne am Stand der Sonne zu prüfen, ob es nicht doch nur Schatten von Zwergen seien. Er gab sich als Determinist, der den stets verneinenden durch eben stets bejahenden Geist ersetzte, ohne Rücksicht auf die immense „Fruchtbarkeit des Unerwarteten“. Genialer Künstler des Unmöglichen, gefährlicher Scharlatan, wohltuender Mutspender und Optimist, typischer Amerikaner? Ein Denker, dessen Irrtümer viel wertvoller und inspirierender sind ab die richtigen Erkenntnisse kleinerer Geister? Mit seinen Japan, Frankreich, Deutschland oder gar England gewidmeten Auftrags- und Rekordprognosen irrte er jedenfalls so oft – sogar wider besseres Wissen –, daß er schon zu Lebzeiten nicht mehr errötete, wenn sie sich als grundfalsch erwiesen. Im Grab umdrehen wird sich dieser Herman Kahn erst recht nicht, was auch immer geschieht. Andreas Kohlschütter