Von Benedikt Erenz

Abseits der großen schönen, der wichtigen Caspar-David-Tutench-Manet-Schau, vor der sich die Schlange der Schaulustigen vom Grand Palais bis zum Arc de Triomphe auf den Zehen steht, gibt es noch immer diese kleingedruckten, versteckten, zudem oft unangenehm politisch getönten Ausstellungen, in die "auch noch hineinzuschauen man nun wirklich nicht mehr die Zeit hat".

Und während der sorgsam präparierte Stadtplan den Schnelltouristen aus London oder Stuttgart quer durch halb Frankreich geradewegs vor die "Dame mit dem Fächer" und den "Herrn mit dem Weinglas" lotst, muß sich der historisch-politisch Interessierte selbst den Weg erfragen zu den Ausstellungsräumen der Bibliotheque Nationale an der engen nie de Richelieu im 2. Arrondissement. Doch lohnt es die Suche unbedingt, was die "Gesellschaft der Freunde der Bibliotheque Nationale" sich da zu ihrem siebzigsten Geburtstag selbst beschert hat: "1913", der Versuch, an Hand von Büchern, Bildern, Manuskripten, Partituren, Plakaten, Photographien, Schallplatten, Kinderfibeln, Zeitungsseiten, Postkarten und Bauplänen ein ganzes Jahr zu rekonstruieren, das letzte Jahr der Belle Epoque.

Eigentlich war es ein unbedeutendes, ereignisloses Jahr. Erst im Rückblick gewinnt 1913 besonderen Charakter; alles scheint, von heute her betrachtet, vorbestimmend, hinzuführen auf jenen zweiten dreißigjährigen Krieg, der, als er 1945 schließlich zu Ende geht, Europas Ausscheiden aus der Weltgeschichte besiegelte. War 1913 dieses Ende bereits abzusehen?

Die Aufnahmen, die Jean Jaurès, den Sozialisten und Pazifisten, vor dem Parlament zeigen: leidenschaftlich, flehentlich – die Deputierten zur Seite gewandt, gelangweilt, und die Titelblätter der Broschüren ("Der Krieg, der kommt", "Die deutsche Gefahr"), die Kinoplakate: der vermummte Fantomas über den Dächern von Paris, Historiengemälde à la "Der Untergang von Byzanz" und der erste Band der "Suche nach der verlorenen Zeit" – all das zusammengelegt wie die Steine eines Puzzles ergibt eine Menetekelschrift, für die meisten der Zeitgenossen unentzifferbar, für uns Nachgeborene heute von schmerzhafter Klarheit.

"Man sagt euch: Fegt die pazifistische Partei weg, die den Mut untergräbt. Aber wir, wir sagen euch, daß heute das Eintreten für den Frieden der größte aller Kämpfe ist!" ruft Jaurès den jungen Franzosen zu, und die konservative La Croix präsentiert sein Photo auf der ersten Seite neben dem Wilhelms II., eine alte Methode der Denunziation, die bis heute nichts von ihrer Wirksamkeit verloren hat – denn erhält, einschlägigen Kommentaren zufolge, nicht auch Petra Kelly ihre Instruktionen direkt aus dem Kreml?

Fünf Minuten vor zwölf rufen Jaurfès’ L’Humanité und der deutsche Vorwärts in einem gemeinsamen Manifest "Contre les armements" zum Widerstand gegen das Militär beider Nationen auf – und das Massenblatt Le Petit Parisien weint mehrspaltig um die Kinder einer Schauspielerin, die zusammen mit ihrer Gouvernante in der Seine ertranken. Ja, mehr als das Erschrecken über die Blindheit der Zeitgenossen damals sind es die Parallelen zu heute, die den Betrachter berühren und Heinesche Nachtgedanken bei ihm auslösen.