Italien könne schließlich auch die Montanunion sprengen – falls die EG-Kommission auf ihren absurden Forderungen beharrt, ließ sich der italienische Minister für die Stahlindustrie, Gianni De Micheli, im ersten Ärger entschlüpfen. Einen Tag später steckte er zurück und dementierte: Italien steht zu den europäischen Verträgen, doch wird das Land die Kürzung der Stahlquote in dem von Brüssel vorgegebenen Ausmaß von 5,8 Millionen Tonnen auf keinen Fall hinnehmen.

Was die Tiber-Wellen so ungewöhnlich hoch schlagen läßt: Die EG-Kommission in Brüssel hat in Anbetracht der fortdauernden Schwierigkeiten am Weltstahlmarkt angeordnet, daß die Stahlproduktion der Mitgliedsländer um insgesamt 26,7 Millionen Tonnen gekürzt wird. Mit dieser Maßnahme will man den wirtschaftlichsten, nach den Stillegungen noch übrigbleibenden Werken Überlebenschancen sichern. Die Kürzungen treffen alle europäischen Stahlhersteller hart. Überall stehen neue Entlassungen bevor. Man kann nicht sagen, daß Italien als zweitgrößter Stahlhersteller der EG besonders benachteiligt wurde bei der Auflage, seine Produktion um 5,8 Millionen Tonnen zu kürzen.

Es sind denn auch mehr sozialpolitische und psychologische Faktoren, die Rom so in Rage gebracht haben. Schließlich ist Italien das jüngste Stahlland der EG. Erst nach dem letzten Krieg hat die Stahlindustrie mit Subventionen, vor allem an den Küsten, riesige Werke gebaut. Heute haben Italiens Stahlwerke eine Jahreskapazität von 36 Millionen Tonnen.

Nach dem Ausbruch der Krise am Weltstahlmarkt, als alle anderen EG-Länder bereits Stahlarbeiter zu Zehntausenden nach Hause schickten, stellte Rom neue Leute an Hochöfen und Walzstraßen ein. Die Produktion wurde trotz jährlicher Milliardenverluste so weit hochgefahren, daß Italien die traditionellen Stahlländer Frankreich und England überholte. Es ist klar, daß der Emporkömmling Italien sich seiner Kräfte als neue Stahlmacht auf dem Kontinent nicht gern berauben lassen will.

"Der Mangel an gerechter Gleichheit", murrte der Präsident der staatlichen Stahlholding Finsider, Lorenzo Roasio, in der Hauptversammlung, "der im Urteil der EG-Kommission meßbar ist, könnte stärkere Länder wie Deutschland noch stärker machen." In der gleichen Hauptversammlung kündigte Roasio an, daß Italiens staatliche Stahlindustrie nach fast zwei Milliarden Mark Verlust für das vergangene Jahr 3,5 Milliarden Mark Defizit für 1983 erwartet. Die Erhaltung einer Kapazität, die nach derzeitigen Produktionszahlen – Januar bis Mai 8,86 Millionen Tonnen – fast nur noch zur Hälfte ausgenutzt ist, kommt eben sehr teuer.

Während die Gewerkschaften in den Stahl-Städten Neapel und Genua Straßensperren und Fabrikbesetzungen veranstalten und sogar ein Marsch der italienischen Stahlwerker nach Rom und Brüssel geplant ist, wird der stahlharte Clinch zwischen den beiden Metropolen zunächst einmal bis zum 25. Juli weitergehen. Dann tagt der Ministerrat in Brüssel. Italien hat trotz aller Proteste seine eigentlichen Revisionsforderungen noch nicht präzisiert.

Kommissar Etienne Davignon gab sich bisher ganz gelassen gegenüber dem italienischen Lamento. Die sachlichen Argumente der Komimission verfehlten außerdem nicht ihre Wirkung auf die private italienische Stahlindustrie. Die besteht in diesem Land mit einer Ausnahme aus vielen kleinen, aber wirtschaftlich arbeitenden Werken, die ganz im Windschatten der übermächtigen staatlichen Konkurrenz stehen. Der staatliche italienische Stahkonzern produziere zu wesentlich höheren Kosten als die großen europäischen Konkurrenten und sei auf einem freien Stahlmarkt zum Untergang verdammt, erklärte der Präsident des Verbandes der privaten italienischen Stahlhersteller Luigi Lucchini. Er fügte hinzu: "Ich teile die Ansicht derer, die Italiens Position im Stahlquotenstreit als demagogisch bezeichnen." Besser, wenige gesunde Unternehmen überleben, als daß alle krank werden, ist Lucchinis Devise.