Hervorragend

Maurice Havel: „Gaspard de la Nuit“/Sergej Prokofieff: „Klaviersonate Nr. 6“. Neues von Ivo. Selten genug. Er läßt sich Zeit. Wie gut das seiner Arbeit bekommt, ist auf dieser Platte zu hören. Mit Ravel konzertierte er schon vor zwei Jahren, als wir auf ihn aufmerksam wurden, ein halbes Jahr nach dem unglücklich-glücklichen Wettbewerb in Warschau. Schon damals: Rauschhaftes und Energie, Leichtigkeit und Farben. Heute klingt das noch straffer, konzentrierter, sicherer, bravouröser, überzeugender. Und es hat zudem viel geisterhaft Huschendes, ironisch Distanzierendes, skurril Balladeskes gewonnen, gibt sich darüber hinaus nicht mehr so befremdlich hochmütig, so kalkuliert souverän, sondern engagiert, vertraut, sorgsam. Prokofieffs Sonate dann: Klavierspiel als Demonstration technischen Könnens, aber auch als bewußtes Ausspielen von Farben und Kontrasten, etwa in extremen dynamischen Werten und Phrasierungsmodalitäten, bei denen Partien, die wie mit Hammer und Meißel herausgearbeitet scheinen, mit Phasen konfrontiert werden, die in äußerster Zartheit hingehaucht erscheinen. Prokofieff als Lyriker – aber auch diese relativ unbekannte Seite des Russen kommt bei Pogorelich in einer Art kühler Distanz, als ob sich jemand nicht traute, verborgenere Empfindungsschichten eigentlich recht herauszulassen. Ivo Pogorelich auf dem Weg, sich vom Zwang freizumachen, hinter Attitüden Schutz zu suchen? (Deutsche Grammophon Gesellschaft 2532093)

Heinz Josef Herbort

Superb

Rickie Lee Jones: „Girl At Her Volcano“. Die Grenze zwischen sehr delikater, gerade noch kontrollierter Phrasierung einerseits und explodierender Hysterie andererseits, zwischen grandioser Expressivität und manierierter Geste ist gelegentlich sehr schmal bei Rickie Lee Jones. Um so faszinierender hört sich an, was sie riskiert; wie sie die Grenzen ihrer Ausdrucksfähigkeit ausprobierend sucht; auf welche Weise sie dort am eindrucksvollsten triumphiert, wo sie sich am meisten vorwagt – wie bei dieser gerade 25 Minuten langen „Recital“-Platte. Sie enthält mit einer Ausnahme, dem melancholischen Liebeslied „Hey, Bub“, nur Kompositionen anderer, klingt dabei trotzdem so unverwechselbar persönlich wie die beiden vorangegangenen LPs. Den Klassiker „Walk Away Renee“ arrangierte sie gänzlich neu und destillierte aus der eher optimistisch auftrumpfenden Soul-Botschaft ein tränen- und trostloses Abschiedslied. Die Elegie von „My Funny Valentine“ oder Tom Waits’ „Rainbow Sleeve“ (ein wunderbarer Säufer-Blues) schlägt nie in wohlfeile Gefühligkeit um. Und ob sie Jazz, Soul oder Pop-Balladen singt, immer gelingt es ihr, die Vorlagen so umzukrempeln, daß sie die Quintessenz trifft und Gefühle auf eine Weise bloßlegt, daß man meint, die Lieder zum erstenmal zu hören. Auch „Girl At Her Volcano“ bestätigt sie als größte „Pop“-Interpretin seit Joni Mitchell. Unverständlich bleibt mir, warum nur Cassettenkäufer in den Genuß eines zusätzlichen Songs („Something Cool“) kommen. (Warner Bros. 92-3805-1)

Franz Schöler