Ein Wahlplakat empfahl vor langer Zeit die Wiederwahl Willy Brandts mit den Worten: "Deutsche Ihr könnt stolz sein auf unser Land." Köhler im Ton, aber kühner in der Sache formulierte später Helmut Schmidt: "Modell Deutschland."

Irgendwie scheinen die Appelle der SPD-Wahlkämpfe an das nationale Selbstwertgefühl nicht richtig gefruchtet zu haben. Die EG-Kommission hat in einer Umfrage herausgefunden, daß es bei den Deutschen ein großes Defizit an Nationalstolz gibt. 17 Prozent der Befragten in der Bundesrepublik zeigten sich "sehr stolz" auf ihr Land, während im letzten Jahr noch immerhin 22 Prozent sehr stolz waren (übrigens liegen in der EG die Griechen mit 76 Prozent Stolz klar an der Spitze). Da hätte man gedacht, nach der Wende werde es mit dem Nationalstolz aufwärtsgehen, denn immerhin sollte Deutschland ja wieder "in Ordnung gebracht" und das "bessere Deutschland" geschaffen werden.

Das braucht offenbar seine Zeit. Allerdings hat nach Werner Dollinger (CSU) nun auch sein Parteifreund Ignaz Kiechle, der Landwirtschaftsminister, die Sommerflaute mit der Nachricht aufgefrischt, er habe sein Büro mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge dekoriert.

Addiert man, in welchem Maße auch Helmut Kohl in diesem Sinn aktiv ist, wie oft und leidenschaftlich er sich den deutschen Fernsehzuschauern von Moskauer Boden aus als "deutscher Patriot" vorgestellt hat, der eine "klare Sprache" (Bild) von "Mann zu Mann" (Kohl) liebt und seine Lenin-Kenntnisse schon mit der Muttermilch aufgesogen hat, sich also von keinem Sowjetmenschen bange machen läßt – dann kommt man zu dem Ergebnis, daß die Griechen sich bei der nächsten Umfrage der EG über die Deutschen noch wundern werden.

*

Nach außen trägt die FDP Zufriedenheit zur Schau. Die Lage der Partei wird als stabilisiert, das Ansehen Genschers als gestiegen beschrieben. Aber dennoch: Hans-Dietrich Genscher ist zur Außenpolitik wortkarg geworden und hört immer öfter, wie Korrespondenten beobachtet haben, "griesgrämig und ruhig" der außenpolitischen Suada des Kanzlers zu.

Auf der einen Seite spricht Helmut Kohl zu Hause wie in Moskau von Wiedervereinigung. Auf der anderen Seite spottet Strauß im Zusammenhang mit dem Kredit an die DDR, Genscher habe "mit der ganzen Angelegenheit nicht mehr zu tun, als daß er im Kabinett durch Möllemann seine Zustimmung erklären ließ". Deutschlandpolitik und Entspannungspolitik – das war einmal die Domäne der Liberalen. Was bleibt für sie jetzt, zwischen Kohl und Strauß?