Von Ulrich Greiner

Wiedergutmachung ist ein Wort, das dem Sprachschatz einer Mobiliar-Feuerkasse entnommen sein könnte. Erst ein Volk ausrotten und dann Wiedergutmachung leisten zu wollen, ist makaber. Im juristischen Sinn meint das Wort finanzielle Entschädigung. Wer im KZ war und überlebte, hatte Anrecht auf eine Art Spesen-Vergütung: hundertfünfzig Mark pro Tag.

Der hilflose Begriff meinte aber auch mehr: Deutsche und Juden sollten Frieden schließen. Das setzte nach Lage der Dinge voraus, daß die Deutschen über ihr Verhältnis zu den Juden nachdachten. Da es aber nach den Holocaust kaum noch welche gab, bestand kein unmittelbarer Zwang dazu. Statt dessen übte man einen nicht sehr glaubhaften, verdrängungsfrohen Philosemitismus. So genau wollte man gar nicht wissen, was es mit den Deutschen und den Juden auf sich gehabt hatte.

Dies erklärt Vielleicht, Weshalb ein so wichtiges Unternehmen Wie die "Bibliographia Judaica" in Frankfurt bislang nahezu Unbekannt geblieben ist. Dieses Archiv erforscht den jüdischen Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte, und zwar von der Mitte des 18. Jahrhunderts an bis 1933, also von jenem Zeitpunkt an, als die Juden, aufgefordert und geleitet durch Moses Mendelsohn, ihr Sprachghetto verließen und Deutsch zu sprechen und zu schreiben begannen, bis zu jenem Zeitpunkt, als die Deutschen sich anschickten, den jüdischen Teil ihrer Kultur zu vernichten.

"Die Juden empfanden die deutsche Kultur als eigene und übernahmen deren Schätze und Werte in eindringendem Verständnis. Sie vermittelten aber auch die Reichtümer ihrer eigenen alten Kultur in deutscher Sprache, ohne daß dies den Deutschen Anreiz zu allgemeiner intensiverer Beschäftigung mit ihrer jüdischen Welt geworden wäre. Einen weiterwirkenden Impuls von deutscher Seite, mit der so lange aufgeschobenen Aufarbeitung des Phänomens dieses deutsch-jüdischen Zusammenlebens an irgendeinem Punkt zu beginnen, hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gegeben, nicht einmal den Wunsch zu wissen, wodurch sich denn die, die unter uns lebten und ermordet oder ausgestoßen wurden, möglicherweise von uns unterschieden haben."

So schreibt Renate Heuer im Vorwort Zum ersten Band ihres "Verzeichnisses jüdischer Autoren deutscher Sprache" (Campus Verlag, Frankfurt am Main, 1981). Renate Heuer ist die Leiterin der "Bibliographia Judaica". Das Archiv entstand 1966 auf Anregung des Rabbiners und Schriftstellers Elazar Benyoetz. Es dokumentiert alle jüdischen Autoren deutscher Sprache, und zwar nicht nur die Verfasser von Literatur in engerem Sinn, sondem auch Journalisten, Kritiker, Wissenschaftler, Theaterleute, Künstler.

Der Wert der Sammlung liegt in ihrer Vollständigkeit. Über Heine und Kafka und Joseph Roth wissen wir Bescheid. Aber die vielen anderen Schriftsteller und Publizisten geringerer Bekanntheit werden hier zum erstenmal biographisch und bibliographisch erfaßt. Bisher wurden etwa 50 000 Namen ausfindig gemacht. Das Archiv sichert und dokumentiert, soweit möglich, ihre jüdische Abstammung, ihren Lebenslauf, verzeichnet ihre Publikationen und enthält, soweit diese bemerkenswert erscheinen, Exzerpte sowie die zeitgenössische Rezeption. Gegenwärtig besteht es aus einer Kartei von 200 000 Karten, aus einer Dokumenten- und Photo-Sammlung und aus literarischen Nachlässen, die in Schuhkartons aufbewahrt werden.