Hamburg

Nach dem Abendbrot gab’s Großalarm. Am 27. Juni um 18.20 Uhr meldeten Pfleger im berüchtigten Haus 18 der Hamburger Nervenklinik Ochsenzoll, daß ihnen ein schwerer Junge entwischt war. Jörg-Hagen Roll, 44, hatte sich mittels vier Sägeblättern der Marke „Fliegende Schwalbe“ aus der vergitterten Spezialabteilung für psychisch kranke Kriminelle befreit.

Immerhin war Roll, neben dem Frauenmörder Honka, der prominenteste Patient in Ochsenzoll. Drei Kindesentführungen nebst Erpressungen gehen auf das Konto des Mannes, dem Gutachter Gehirnschäden, zugleich aber auch beachtliche Intelligenz und kriminelle Energie bescheinigt haben. Erst im Januar war Roll aus derselben Zelle geflohen und 26 Tage lang untergetaucht.

Diesmal dauerte es nur zwei Tage, bis die Polizei Roll in Hamburg stellte. Der Kidnapper behauptete im Verhör, zwei Pfleger hätten ihm zur Flucht verholfen, gegen versprochene 10 000 Mark aus einer früheren Lösegeldsumme. Ohnehin sei das Personal in Haus 18 korrupt, für Geld beschaffe es „von Schweinshaxen über Alkohol bis zur Rasierklinge“ alles. Überhaupt, so Roll, habe er mit seinem Ausbruch nur auf schlimme Zustände in Ochsenzoll aufmerksam machen wollen: „Die Ärzte und Therapeuten hatten nie Zeit für mich, nichts passierte, um mich zu behandeln.“

Haltlose Anwürfe eines „Geltungssüchtigen“ (wie Anstaltsleitung und Gesundheitsbehörde hoffen) oder Beginn einer hochnotpeinlichen „Ochsenzoll-Affäre“ (was die CDU vielleicht nicht ungern sähe)? Vieles spricht dafür, daß Roll innerhalb der Anstalt Helfer hatte, auch Mitpatienten kommen dafür in Frage. Andererseits verliefen die intensiven Ermittlungen – u. a. Hausdurchsuchungen bei den Beschuldigten – bislang ergebnislos. „So was Ausgekochtes wie den Roll hatten wir hier noch nie“, klagt Professor Klaus Böhme, Ärztlicher Direktor von Ochsenzoll.

Für den engagierten Psychiater ist der neuerliche Ausbruch ein schwerer Schlag. Angst und Vorurteile gegenüber psychisch Kranken, so fürchtet Böhme, erhielten durch die schrille Publizität des Falles kräftig Nahrung. Besonders erschwere sie die Arbeit, geisteskranke Straftäter im sogenannten Maßregelvollzug zu „bessern“ und zu „sichern“, wie es Paragraph 63 Strafgesetzbuch (in dieser Reihenfolge) vorschreibt.

Tatsächlich sind die Bedingungen dafür in Haus 18 alles andere als günstig. Im Nordflügel des düsteren Backsteinbaus aus dem Jahre 1914 sollen schwer gestörte Straftäter gleichzeitig therapiert und sicher aufbewahrt werden – Forderungen, die in der Praxis schwerlich vereinbar sind. Denn in einem Klima permanenter Überwachung schlagen Therapieversuche allzuoft fehl. Dauernde Binnenkontrollen aber sind notwendig, weil der alte Kasten nach außen schlecht abgesichert ist – wie Rolls Ausbrüche beweisen. Im „Kuckucksnest“, wie Haus 18 beschönigend genannt wird, leben 60 Patienten. Die Hälfte von ihnen sind Maßregelvollzugs„fälle“ – Menschen, die für sich und andere eine ständige Bedrohung darstellen. Die Atmosphäre ist unruhig und aggressionsschwanger. „Unheimlich“ nennt sie ein ehemaliger Pfleger. Angriffe auf das Pflegepersonal sind nicht selten. Böhme, dem Haus 18 direkt unterstellt ist, wurde schon zweimal angegriffen. Auch er gesteht: „Wenn ich vor die Tür trete, muß ich erst mal tief durchatmen.“ Jobs in diesem tristen Milieu sind nicht eben gefragt. Schon gar nicht die schlecht bezahlten. „Haus 18 gilt als Deklassierung“, sagt ein Arzt freimütig, „da kann man sich das Personal nicht aussuchen.“