Der Kanzler beeindruckte und provozierte die Russen

Von Jochen Steinmayr

Moskau, im Juli

Wenige Tage nach der ersten Moskaureise eines westdeutschen Kanzlers, im September 1955 also, betrieb ich auf dem an die Kremlmauer grenzenden Manegenplatz journalistische Meinungsforschung. Auf dem kurzen Weg zwischen dem Hotel „National“ und der ehemaligen Reithalle der Zaren fragte ich damals zehn sowjetische Passanten, ob ihnen der Name Adenauer geläufig sei. Alle bis auf eine alte Frau antworteten mit der ernsthaften Miene, die Russen aufsetzen, wenn es um geschichtliche Ereignisse geht: „Da, da – natürlich.

Es war naheliegend, diesen Test zu wiederholen, nun auf Helmut Kohl gemünzt. Die Prawda hatte an diesem Morgen mit einem Protokoll des Gesprächs zwischen dem Bundeskanzler und Staatschef Andropow aufgemacht, auch der Rundfunk hatte bereits mehrere Meldungen über den Besuch des Bundeskanzlers ausgestrahlt, der sich gern als Enkel Adenauers ausweist. Ein Oberleutnant, seine kleine Tochter an der Hand und als erster angesprochen, überraschte mich mit einer scheinbar witzigen Gegenfrage: „Haben Sie einen Garten?“ Ich dachte, der Mann wolle mich auf die Schippe nehmen, habe mich gleich am Akzent erkannt und spiele auf Krautköpfe an. Weit gefehlt – der Offizier wußte wie vier andere nach ihm angesteuerte Probanden nicht, wer Kohl ist, sondern er wollte mir hilfsbereit den Weg zu einem Haushaltswarengeschäft weisen, in dem die vermeintlich von mir gesuchten Hölzer zum Aufbinden von Tomaten möglicherweise aufzutreiben seien. Solche Pflanzstäbe heißen auf russisch „Kol“.

Moskau – 28 Jahre nach Adenauer: Das ist eine Metropole, die inzwischen täglich zwei Millionen Dienstreisende passieren, aus der ein lange typischer Geruch von schlechtem Benzin, Knoblauch und Schweiß verflogen ist, in der lässiger gekleidete und heiterer gewordene Menschen überwiegend an Essen, Einkauf, Auto und Datscha denken – wie die Deutschen in den späten fünfziger Jahren. Nur eine informierte Studentin erwähnt Nachrüstung und Raketen: „Am meisten stört mich, daß nun wieder direkt von Deutschland aus auf uns geschossen werden könnte.“

„Wir resignieren nicht“