Nie mehr Schule ...“ – heute ist es also soweit, „endlich“ werden einige oder auch viele von Ihnen hinzufügen, daß Sie von einem lange andauernden Zwang befreit werden. Sie haben ihn immerhin dreizehn Jahre, vielleicht auch ein bißchen länger ertragen müssen. Und: „Der Umstand ist bekannt, zuviel Schule macht dich krank!“

Jetzt sind Sie frei, die Schule hat Ihnen nichts mehr zu sagen – die Betonung in diesem letzten Satz können Sie selbst bestimmen und ebenso ergänzen: Sie hat uns auch vorher nichts zu sagen gehabt. Vielleicht ist es im Augenblick noch zu früh für Sie festzustellen, was die Schule, was die Schulzeit für Sie bedeutet hat, denn Sie sind möglicherweise erst auf dem Weg der Genesung.

Ich weiß nicht, ob jemand von uns Eltern oder von den Lehrern seine Schulzeit wirklich geliebt hat, ob er gern Schüler gewesen ist, so lange ihn der äußere Zwang dazu machte. Bei den Lehrern allerdings muß es wohl so gewesen sein, denn sie haben sich ja ohne große Pause wieder in das Unternehmen Schule begeben. Im Rückblick scheinen fast alle ihrer Schulzeit etwas Positives abgewinnen zu können, das jedoch mit dem, was uns Heinz Rühmann in dem Film „Die Feuerzangenbowle“ vor Augen führt, nicht viel gemeinsam hat. Ich glaube aber, alle Anwesenden hier wünschen Ihnen, daß auch Ihr Urteil früher oder später dieses „Positive“ der Schule attestiert.

Bei der Lektüre einiger Veröffentlichungen zum Thema Schule und Bildung in den letzten Wochen bin ich allerdings nachdenklich geworden. Da heißt es beispielsweise: „Menschlich lernen kann man doch in diesen Schulen nicht. Sie sehen nicht nur wie Fabriken aus, das Lernen ist in ihnen fabrikmäßig organisiert, zerstückelt und kontrolliert. Den Schülern und Lehrern sind die Stoffe doch so egal wie dem Arbeiter bei Opel die Karosserien, an denen er seine Handgriffe verrichtet – Hauptsache, der Lohn stimmt, die Noten und das Geld ...“ Derjenige, der zu dieser Überzeugung gekommen ist, kann kaum diese Schule gemeint haben; denn schon was den Vergleich mit dem Aussehen einer Fabrik betrifft, so läßt doch allenfalls unser Schornstein den Gedanken an eine Fabrik aufkommen. Anders sieht es vielleicht bei der Feststellung aus: „Der Lehrer ist einer, der die Lernwege so zu bereiten hat wie ein moderner Straßenbauer: Er hat zu glätten, zu begradigen, er hat Hindernisse aus dem Weg zu räumen – und zwar im Interesse der schleunigen Zielerreichung ... Der Lehrer, die Schule – das sind Einrichtungen zur Lernerleichterung, zur Lernbeschleunigung, die Schüler auf Lernschnellwegen in den Zustand des Wissens und Könnens zu versetzen. Dabei könnte es allerdings geschehen, daß das so Übereignete den Menschen, die es nachprüfbar beherrschen, vollkommen gleichgültig bleibt oder wird.“

Ich glaube, dieses letzte ist immer wieder der Punkt, an dem sich der reibt und reiben wird, der direkt und unmittelbar mit der Schule zu tun hat – der Schüler. Wie oft haben Sie sich, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, besonders vielleicht in den letzten zwei Jahren, geärgert über die Notwendigkeit eines bestimmten Lernstoffes, über die Lehrer oder auch über die Eltern? Die Themen in den Kursen haben Sie möglicherweise nur bedingt interessiert, die Lehrer sind Ihnen unter Umständen oft genug ein Ärgernis gewesen, die Schulleitung hat einsame Beschlüsse gefaßt entgegen Ihren Wünschen, und die Eltern haben sich vielleicht in Ihren Augen durch Unverständnis, mangelndes Interesse oder lästiges Ermahnen ausgezeichnet.

Ich würde die Rolle der Lehrer und unsere Elternrolle eher so sehen: Wir sind täglich, ja stündlich bei Ihnen und um Sie herum gewesen, wir haben Sie unterstützt, wo wir es für notwendig und unerläßlich hielten, Sie vorwärts geschoben, wenn Sie nicht von allein in Bewegung zu kommen schienen; wir haben Ihnen aufmunternde und lobende Worte gesagt, Sie hier und dort aber auch kritisiert. Wir haben Ihnen Aufgaben und Pflichten zugeteilt und Sie immer wieder mit Dingen konfrontiert, die Sie bisweilen interessant fanden, die Ihnen manchmal überhaupt nichts sagten und Sie langweilten oder gar ärgerten.

Es mag sein, daß dabei ab und zu etwas zu kurz gekommen ist, was Georg Picht einmal so ausgedrückt hat: „Erziehen ist ein Prozeß, der nur dort zustande kommt und gelingt, wo sich ein Wechselverhältnis zwischen Partnern herstellt, von denen jeder zugleich erzogen wird und erzieht. Eltern können ihrer Rolle nur gerecht werden, wenn sie dankbar erfahren, daß auch sie von den Kindern erzogen werden. Lehrer können das Vertrauen ihrer Schüler nur gewinnen und erhalten, wenn sie zu einem Dialog Dereit sind, aus dem sie selbst etwas lernen.“ Ingrid Jönsson-Drühe