Von Christoph Bertram

Seine Kritiker, vor allem ehemalige Kollegen aus der Carter-Administration, halten ihn schlicht für engstirnig und inkompetent. Seine Freunde, vor allem im Konservativen Lager der Regierung Reagan, loben die Unbestechlichkeit seines Urteils (das mit dem ihren übereinstimmt). Was für die ersteren Sturheit ist, erscheint den letzteren als Prinzipientreue, was die einen als Einfallslosigkeit beklagen, loben die anderen als Loyalität. Edward Rowny, der amerikanische Chefunterhändler bei den Genfer Verhandlungen über Rüstungskontrolle bei Interkontinental-(nicht Mittelstrecken-)Raketen ist auch in den letzten Monaten aus der Kontroverse nicht herausgekommen.

Im Januar hatte er für den neuen Chef der Abrüstungsbehörde in Washington auf . einer „schwarzen Liste“ nur einen seiner fünf Mitarbeiter als verläßlich bezeichnet und drei, darunter seinen Stellvertreter, mit der Bemerkung abgetan, sie wollten um jeden Preis einen Kompromiß mit den Russen. Und jüngst will eine amerikanische Zeitung erfahren haben, Rowny habe sich über den grünen Tisch lautstark, heftig und gründlich mit seinem sowjetischen Gegenüber Viktor Karpow angelegt. Das Weiße Haus und das State Department haben sofort dementiert. Und ein ehemaliger Kollege meint beschönigend, Viktor Karpow könne auch in einem sanftmütigeren Wesen gelegentlich das wilde Tier wecken.

Rowny ist kein Diplomat, er will auch keiner sein. 1941 wurde er Soldat, der eine steile militärische Karriere mit erfolgreichen Studienabschlüssen und sogar einer Promotion verband. Auch im Alter von 67 Jahren geht er kerzengerade, die militärische Schulung scheint in altmodischer Courtoisie, aber auch in gedanklicher Starrheit durch.

1973, nach dem Abschluß des ersten Abkommens zwischen Moskau und Washington zur Begrenzung strategischer Waffen (Salt I), wurde er der Vertreter der Generalstabschefs in der Salt-Delegation. Schon damals traf er Viktor Karpow auf der Gegenseite. Zunächst war es die Verbindung von militärischer Fachkenntnis und analytischem Interesse, die den Drei-Sterne-General für die Kärrnerarbeit der Rüstungskontrolle empfahl. Aber sie wurde zunehmend überschattet von einer anderen Eigenschaft: seiner harten Haltung gegenüber den Sowjets. Die sowjetischen Herrscher sind für Rowny, und er hat nie ein Hehl daraus gemacht, nicht Sicherheitspartner, sondern feindselige Rivalen, ja Außenseiter der Zivilisation. Da schwingt Familienerinnerung mit: Rownys Eltern wanderten von Polen nach Amerika aus, als die zaristischen Herrscher in den Schulen dort Rus-

sisch – zur Hauptsprache machten; Rowny spricht heute noch beide Sprachen fließend.

Er ist nicht, wie mancher Falke im Aviarium Washingtons, gegen Rüstungskontrolle überhaupt. Aber er sieht sie als Mittel in der Auseinandersetzung mit den Sowjets, nicht als Instrument der Entspannung. Damit traf er sich schon in den siebziger Jahren mit zwei Falken im Senat: dem in strategischen Fragen einflußreichen Demokraten Henry Jackson und dem Einpeitscher der Erzkonservativen Jesse Helms. Gerade um von dieser Seite nicht attackiert zu werden, holte Jimmy Carter den General 1977 erneut in die Salt-Verhandlungsdelegation. Aber es war ein taktischer Mißgriff. Denn nicht nur brachte er Spannungen in das Team – damals schon –, das ihn verdächtigte, seinem Mentor Jackson unliebsame Informationen zuzuleiten. Er verschwieg auch nie seine Skepsis über das Cartersche Verhandlungskonzept. „Dieser Mann ist eine Zeitbombe“, formulierte einer seiner Kollegen in Genf.