Anfang dieses Mo-nats wurden 46 000 Wehrpflichtige zur Bundeswehr einge-zogen. 34 000 von ihnen sind Abitu-rienten. Rainer Woratschka, der heute Germanistik studiert, berichtet über seine Erfah-rungen beim Bund, die er in den Jahren 81/82 machte.

Man wird sich an vieles gewöhnen. An diese Stimme zum Beispiel, die um 6 Uhr morgens die Gänge entlanghallt: „3. Kompanie aufstehen!“ Verschlafene Gestalten schlurfen in den viel zu weiten hellblauen Schlafanzügen in Richtung Waschraum, zwingen sich eilig in eine Uniform, ein schneller Blick noch auf den Dienstplan, dann kommt schon der Befehl: „Kompanie raustreten!“ Man hetzt die Treppen hinunter, in der linken Hand die Essenmarken, in der rechten das Besteck. Im Gänsemarsch geht’s zum Frühstück, aber zurückgehen darf man selbständig.

Und wer sich besonders beeilt, kann noch einen Platz auf den Toiletten ergattern. Hier hat man schon vorgesorgt: An den Wänden hängen große Bögen Papier, auf denen der Soldat allmorgendlich und natürlich anonym seinen ganzen Frust sowie geistreiche Einfälle und Sprüche loswerden darf. Neben der obligatorischen „Neuen Lage“ (das sind die gezählten Tage, die man noch auszuhalten hat) findet hier eine Menge Wut und Aggressivität ihr (harmloses) Ventil; gleichzeitig auch spontanes und Lustiges, Tiefsinn neben Banalität. „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“ steht da, und daneben: „Abends 8-13 Bier, schaden weder dir noch mir!“

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Morgens wird geputzt und abends wird geputzt, und beim „Zapfenstreich“ um 22 Uhr Gegen fünf Mann in ihren doppelstöckigen Betten, der sechste steht in Uniform im Zimmer (Bundeswehrdeutsch: Stube) und muß „abmelden“. Und fünf Minuten vor meinem ersten Auftritt lerne ich aufgeregt meinen Spruch auswendig: „Ich melde die Stube 104 mit sechs Mann belegt, fünf Mann in den Betten – Stube ist gereinigt, gelüftet und zur Abnahme bereit.“

Einzelausbildung. In der prallen Mittagssonne stehen wir auf dem großen Exerzierplatz, ein Feldwebel gibt im scharfen Ton Kommandos. „Rechts um!“, „Links um!“, „Stillgestanden!“, „Richt’ euch!“, „Augen geradeaus!“, „Rührt euch!“

„Die Formalausbildung fördert die Körperhaltung und Körperbeherrschung. Das Auftreten des einzelnen Soldaten und eines Truppenteils ist ein Wertmesser für körperliche Durchbildung, Selbstzucht und Leistungswillen.“ So steht’s im Bundeswehrhandbuch.