So wünscht sich der noch nicht dreißigjährige Komponist seiner ersten und einzigen "Großen tragischen Oper in fünf Akten" den dritten Auftritt im dritten Aufzug seines "Rienzi", der am 20. Oktober 1842 in Dresden uraufgeführt wurde:

"Kriegerische Signale nähern sich der Szene. Man hört alle Glocken läuten. Alle waffenfähigen Bürger Roms ziehen kampfgerüstet und marschmäßig auf. Priester und Mönche ziehen mit ihren Fahnen auf. Frauen und Jungfrauen, Greise und Kinder geleiten die Züge. Auftritt der hohen Geistlichkeit. Neue Züge von Gewaffneten. Die Senatoren geharnischt zu Pferd. Rienzi, ganz geharnischt und zu Pferd."

Und was muß das Auge erblicken bei der Eröffnungspremiere der "Münchner Opernfestspiele 1983" im Nationaltheater (bei "festspielmäßig" erhöhten Preisen bis kräftig über 200 Mark auf den besseren Plätzen)? Die Volksmassen, die sonst von links und rechts unten vorn auf die Bühne schleichen, sich nach dem preußischen Exerzier-Reglement brav durchmischen und die Augen, auch in revolutionärem Entzücken, folgsam auf den Dirigenten ausrichten – die beamteten Chorsänger der Bayerischen Staatsoper, bis in die Stimmbänder vorzüglich gedrillt von Günther Schmidt-Bonländer, geben den Blick frei auf den algengrün schimmernden Hintergrund der Bühne.

Was wird sich auf oder vor dieser an einen Fernsehschirm erinnernden Breitleinwand abbilden? Da naht er schon, vom Beifall eines seligen Publikums empfangen: ein Schimmel Von der Hand eines Stallmeisters gezogen, rappelt sich der Gaul die hintere Rampe auf die Bühne empor, gerade so weit, daß ihn die Herrschaften auf den teureren Plätzen noch wahrnehmen können. René Kollo, der in dieser Inszenierung den Rienzi reitet, äh: singt, kraxelt mit Hilfe der Gestüts-Bediensteten vom hohen Roß und schwingt sich auf die Gipfel seines (im dritten Akt noch) strahlenden Tenors: "Der Tag ist da, die Stunde naht / Zur Sühne tausendjähriger Schmach!"

Als im April 1817 die Schauspielerin (und Geliebte des Herzogs Carl August) Karoline Jagemann ihren Pudel mit auf die Bühne brachte, immerhin hieß das Stück "Der Hund des Aubry de Mont-Didier", bat der Intendant des Weimarischen Hoftheaters, Goethe, um seine Entlassung.

In Hans Lietzaus Einstudierung "Das Pferd des Cola di Rienzo" möchte man spätestens beim so kostspieligen wie unsinnigen 60-Sekunden-Auftritt der Mähre um Entlassung von der Zuschau-Pflicht bitten – nicht weil ein Pferd auf die Bühne kommt, sondern weil nur ein Pferd auftritt, nicht gleich eine Kavallerie-Schwadron vor dem Auge tobt. Die Pferde, die Hans Neuenfels in seiner Berliner Aufführung von Kleists "Penthesilea", ziemlich überflüssig, in einem eingeblendeten Film auftraben läßt –: durch Wagners "Rienzi" galoppieren sie, tänzeln sie im punktierten Zweivierteltakt, traben sie im immer wieder aufdröhnenden Marsch-Rhythmus der Großen Oper des 19. Jahrhunderts à la Auber, Meyerbeer, Spontini.

Was das Ohr sehe, brauche man dem Auge nicht auch noch zu zeigen? Ja. Deshalb haben Josef Krips in Wien, Heihrich Hollreiser in Berlin (Deutsche Oper, 1980) das wilde Genie-Stück konzertant aufgeführt.