Sommersemester 1824 in Göttingen. Eduard Wedekind studiert Jura und führt Tagebuch. Ausführlich beschreibt er seine Begegnung mit dem siebenundzwanzigjährigen Heine.

Dienstag, 15. Juni 1824. Abends ging ich wieder zum Ulrich, in der Hoffnung, Heine dort zu treffen, wie es denn auch der Fall war. Er saß neben Mertens, mit dem er in einem Hause wohnt. Ich setzte mich zwischen beide und fing nun ein Gespräch mit Heine an, das bald sehr bedeutend wurde. Anfangs blieben wir auf der Bank sitzen, dann gingen wir zusammen im Garten herum. Wir sprachen wohl eine gute Stunde miteinander. Der Inhalt unseres Gespräches war folgender.

Ich sagte ihm Bouterweks Urteil über seine Gedichte und gab ihm auch mein eigenes Urteil ganz freimütig. Ich fühlte eine gewisse praktische Superiorität über ihn, war daher sehr frei und fühlte ihm auf den Zahn, so daß ich fast sein ganzes poetisches Glaubensbekenntnis erhalten habe.

Der überspannten Romantik ist er früher sehr zugetan gewesen, besonders wegen seines engen Verhältnisses zu Schlegel, als er in Bonn studierte. jetzt ist er ihr abgeneigt und hält nun auch mehr auf Bouterwek. Nur dem Märchen legt er noch einen ziemlichen Wert bei und sagt, was bei ihm damit zusammenhängt, daß man die eigentliche Fabel noch nicht erfanden habe; das Wesen der Tiere, was uns ein Tier eigentlich zu sagen scheine, habe noch niemand gefunden.

Mit seinen früheren Schriften ist er nicht zufrieden, die letzten: „Almansor“, das „Intermezzo“ und „Ratcliff“ gefielen ihm besser, besonders letzterer, über den er viel Interessantes sagte: „Was Ratcliff eigentlich ist, daß er eilt Wahnsinniger ist, habe ich noch keinen sagen hören, das hat. noch, niemand gefunden, und doch ist es ganz klar, denn er hat eine nie Idee. Dieser folgt er, weil er muß. Daher kommt zum Teil die eigne Wirkung dieses kommt denn nicht Ratcliff ist es, welcher handelt und etwas gegen das Schicksal ankämpft; sondern das Schicksal ist das eigentlich handelnde Prinzip, Ratcliff ist eine unfreie Person, er muß so handeln.“

Ich selbst hatte den „Ratcliff“ nie so angesehen, sondern gerade worin Heine die Willensunfreiheit setzt, das hatte ich als einen eisernen Willen, als einen festen freien Entschluß angesehen. Bürgern verehrt Heine sehr; Goethe gefällt ihm mehr als Schiller, letzteren liebt er mehr. „Goethe“, sagt er, „ist der Stolz der Literatur, Schiller der Stolz des deutschen Volkes.“ „Übrigens“, fuhr er fort, „hat Goethe manches gestohlen, zum Beispiel ‚Röslein rot‘ und ‚Wie kommt’s, daß du so traurig bist, da alles froh erscheint“ sind alte, jetzt aber in Vergessenheit geratene Volkslieder.“

Ich habe alles, was Heine bis jetzt herausgegeben hat, gelesen und kann es zum Teil auswendig; daß ihm dies einigermaßen schmeichelte ist natürlich, auch konnte ich ihm mit gutem Gewissen manches Kompliment machen.