Erich Fromm: „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“. Mit dieser Enquête, entstanden 1929/30 im Rahmen des schon fest legendären Frankfurter Instituts für Sozialforschung, wollte Fromm die politischen, sozialen und kulturellen Einstellungen von Arbeitern und Angestellten in Deutschland ermitteln. Sie ist aus zwei Gründen noch heute von Interesse: als früher Versuch, Marxismus und Sozialpsychologie miteinander zu verbinden und als Beitrag zur historischen Faschismus-Diskussion. Fromm fand heraus, daß bei vielen befragten Arbeitern – gleich ob in SPD oder KPD – linke politische Überzeugungen und autoritäre Charakterstrukturen sich keineswegs ausschlössen, sondern sich zu einem Widersprüchlichen Persönlichkeitsprofil ergänzten. Mit dieser Entdeckung glaubte Fromm auch eine Antwort auf die irritierende Frage gefunden zu haben, warum die organisatorisch hochentwickelte, traditionsreiche deutsche Arbeiterbewegung dem Nationalsozialismus so überraschend wenig Widerstand hatte entgegensetzen können. (Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1983; 315 S., DM 12,80) Volker Ullrich

Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): „Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945“. Es ist nützlich, wenn Historiker einmal innehalten, um Bilanz zu ziehen und sich zu überlegen, wie sie ihren Forschungen zu größerer Breitenwirkung verhelfen können. Dies versucht – aus Anlaß des 50. Jahrestags der „Machtergreifung“ – der hier anzuzeigende Sammelband. Eingeleitet durch einen Essay von Karl Dietrich Bracher über das Scheitern der Weimarer Demokratie, vereinigt er 37 meist schon anderswo gedruckte Beiträge namhafter deutscher und ausländischer Gelehrter. Ein leichtes Übergewicht konservativer Interpretationen ist dabei unverkennbar. So kommt in der Kontroverse über den Charakter des NS-Herrschaftssystems – bezeichnet mit der etwas vereinfachenden Formel „Monokratie oder Polykratie“ – zwar Klaus Hildebrand, nicht aber sein Kontrahent Hans Mommsen zu Wort. In der ebenso strittigen Frage, welche Rolle die Großindustrie bei der Errichtung der NS-Diktatur gespielt hat, wird recht eindeutig Partei ergriffen für die apologetische Position des amerikanischen Historikers Henry A. Turner; die Argumente seines Kritiken Dirk Stegmann werden dagegen nicht angemessen berücksichtigt. Leider haben die Herausgeber bei der Auswahl der Beiträge nicht immer eine glückliche Hand gehabt. Für die Darstellung der Sozialpolitik im Dritten Reich hätte man sich einen Beitrag des Oxford-Historikers Tim Mason gewünscht, der zu diesem Thema überhaupt erstmals Substantielles geschrieben hat. Und warum fehlt, wenn von „Hitler und die Deutschen“ die Rede ist, der Name Ian Kershaw, dem wir grundlegende Einsichten zur Funktion und Wirkungsweise des „Führermythos“ verdanken? Dennoch enthält der Band vieles, was im Gedächtnis haften bleibt und sich in der komprimierten Form hervorragend eignet als Einführung in die NS-Herrschaft. (Droste Verlag, Düsseldorf 1983; 840 S., DM 59,80) Volker Ullrich

Jacobo Unterman: „Israels längster Krieg-Tagebuch eines verlorenen Sieges“. Jacobo Timerman ist ein geplagter Mann. Hinter sich weiß er ein militarisiertes Argentinien, in dem er etwa 50 Jahre lebte; vor sich ein Israel, das, so stellt es sich ihm dar, einer ähnlich verhängnisvollen Entwicklung zusteuert. Denn: „Wie auch immer der Libanonkrieg schließlich ausgehen wird, die Grabinschrift muß lauten: Hier hegt das internationale Ansehen und die Integrität eines herrlichen Volkes.“ Timerman sieht in Begin den Urheber dieser Tragödie und empfindet für dessen Selbstgerechtigkeit nur Verachtung. Sein leicht zu lesendes Buch ist die gewollt subjektive Warnung eines Israeli vor der Entwicklung seines Landes zu einem prinzipienlosen Militärstaat. Es repräsentiert darüber hinaus eine an Popularität zunehmende Widerstandsbewegung im Judenstaat, die Timermans Sorge durchaus als die ihre empfindet: „Wir sind ins Getto zurückgekehrt, zur Gettomentalität, wo überleben so viel heißt wie: Wissen, daß uns die anderen hassen und daß man sie besiegen muß.“ (Carl Hanser Verlag München 1983; 170 S., DM 19,80) Albert Bruer