Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Einige Abgeordnete flogen sogar aus Tokio von einer Konferenz zurück, um dabei zu ein, obwohl kein Fraktionszwang geboten war. Aber die Wieder- oder Nichtwieaereinführung der Todesstrafe ist ein „Alle-Jahre-wieder“-Schlager im britischen Unterhaus. Da ein knappes Resultat erwartet wurde, wollte sich niemand später Vorwürfe machen. Oder machen lassen: Zwei Abgeordnete sondierten noch einmal sorgfältig per Umfrage die Ansichten der Bürger ihres Wahlkreises, so als sei nicht gerade vor fünf Wochen gewählt worden, gewählt doch auch mit dem Blick auf dieses Strafmaß.

In diesen Wochen haben sich Thatcher-Wähler Augen und Ohren gerieben. Seltsame Dementis wurden aus Downing Street verbreitet. Mit einem Mal war das Kabinett gar nicht mehr so begeistert von der Idee, dem Wählerwillen zu folgen und den Galgen frisch zu streichen. Ja, der Eindruck konnte entstehen, daß sogar die strickfreudige Chefin selber das ganze Thema plötzlich zum Henker wünschte. wozu denn dann die Abstimmung? Reine Terminnot, so wurde versichert. Das leidige Thema müsse noch vor den Parlamentsferien behandelt werden, denn dem Neuzusammentritt des Unterhauses im November gehe der Parteitag der Konservativen in Blackpool voraus, und dort würden dann die Heißsporne den Abgeordneten die Hände binden.

Das war eine Zwecklüge erster Güteklasse. Wie es zur Unerquicklichkeit der Sache paßt, ist an der Argumentation nahezu alles schief, wenn nicht falsch. Wann hätte sich je einer der Konservativen im Kabinett von einem jener unverbindlichen Jahrestreffen blumenbehüteter Damen und schnurrbärtiger Ex-Colonels aus den Ortsverbänden Vorschriften machen lassen? Dies ist schließlich nicht die Partei von Tony Beim, und was ein imperatives Mandat ist, das wüßten die meisten dieser Delegierten gar nicht zu sagen. Wer würde es auch schon wagen, der Siegerin des 9. Juni irgendeine Vorschrift zu machen?

Das viel wichtigere Argument scheint der steinalte Lordkanzler Hailsham im Ministerkreis beigesteuert zu haben. Auf ein Wort gebracht lautete es; „Durchdenken!“ Das eben hatten die teils neuen Amtsträger bisher versäumt. Nie zuvor waren ja auch die Befürworter der Todesstrafe ihrem Ziel so nahegerückt wie durch den Zuzug jener 101 frischgewählten Konservativen, von denen etwa 70 als hänge freundlich galten, während gleichzeitig vier Dutzend Gegner der Todesstrafe aus dem Parlament ausschieden, alles geschlagene Labour-Abgeordnete. Die neuen Auspizien brachten daher die Pro- und Contra-Lobby in nie erlebtem Eifer aufs Forum. Das Kabinett erlebte Überraschungen.

So war etwa der Ruf der Polizeiverbände nach dem letzten Strafmaß keine Neuigkeit. Daß aber die Direktoren der britischen Gefängnisse einhellig erklärten, der Galgen solle bedient werden, wo er wolle, nur in keinem Gefängnis, das könne man dem Personal nicht zumuten, zu dessen übrigem Nutz und Frommen freilich durchaus abschreckend gehängt werden solle – das irritierte den derart angeschriebenen Innenminister Leon Brittan mehr als der Scherz, sein Name sei die spanische Übersetzung von „Britischer Löwe“.