Auf die Frage nach seinem Lieblingskomponisten hat Werner Egk einmal geantwortet: „Jeder komponierende Musikkritiker, vor allem Adorno.“ Und auf die Frage, was er sein möchte, sagte er: „Was ich bin.“ So war er: ein so verwundbarer wie reizbarer Geist, der seinen Gegnern mit ironischer Schärfe zurückgab, was er von ihnen einstecken mußte. Und vorwerfen, daß er sich selbst irgendwann einmal nicht treu geblieben sei, kann man ihm beim besten Willen auch nicht. 82 Jahre hat es gewährt, sein Künstlerleben. Am 17. Mai 1901 wurde Werner Egk in . Auchsessheim, einem Stadtteil von Donauwörth, geboren, am 10. Juli 1983 ist er in Innig am Ammersee gestorben.

In die acht Dezennien ist eine Existenz gepreßt, randvoll von Musik und Politik. Und anders als bei anderen seiner Zunft sind beide Aspekte in Egks Leben nicht voneinander zu trennen, sie verzahnen sich nahtlos ineinander. Die Zeit, in die er hineingeboren wurde, entschied gegen ein unpolitisches Komponisten-Dasein im stillen Abseits. Und Egk lief mit, ließ sich willig verführen von denen, die ihm und seiner Musik Erfolg versprachen. Und den hatte er dann auch ausgiebig. Er fiel auf die fragwürdigste Vokabel herein, die für den Künstler als Sirenenlockung klingt und doch eher Warnsignal sein müßte. Es ist ihm nicht anders ergangen als dem größeren, raffinierteren Richard Strauss. Aber der hatte die Chance, aufgeführt zu werden, kaltblütig und zynisch genutzt.

Egk ließ sich gern von den neuen, nationalsozialistischen Herren in Deutschland umwerben, und seine Musik paßte genau in deren kulturpolitisches Konzept: Ohne damals im mindesten „modern“ zu sein, konnte sie unter diesem Siegel verkauft werden. Die Faktur dieser Partituren wies gewisse harmonische Reibungen auf, die jedoch so moderat klangen, daß sie kaum dem Verdikt „zersetzend“ anheimfallen konnten und das Publikum nicht vergraulten. Dazu kam ein pralles, bajuwarisches Temperament, ein knorriger Humor und eine üppig wuchernde Bühnenphantasie. Ein optimistischer, ungebrochener Klang und eine rustikale Rhythmik, eher abgeguckt bei seinem Lehrer Orff als bei den von ihm bewunderten französischen Impressionisten, taten das ihre, um seiner Musik anhaltenden Applaus zu sichern.

Egk war ein Könner, das heißt, er war einer von denen, die, intelligent und clever, schnell begreifen, arbeiten und liefern, auch wenn der gewünschte und einzuhaltende Trend auf Kosten des Niveaus ging – nicht auf das des Handwerks, das beherrschte er perfekt, aber auf das des Inhalts und seiner vielschichtigen Verarbeitung.

Egks Kunst erschöpfte sich bald im routinierten Leerlauf. An seinen sieben Opern und sieben Balletten, an seiner Instrumentalmusik ist’s zu hören. Das Ideal, nach dem er angetreten, die Treue zu sich selbst, geriet zum sturen Beharren auf überkommenen, zuerst konservativen, dann restaurierten Formeln. Anfangs stand er im Rampenlicht, zuletzt im Schmollwinkel. Über seine Musik sind – jedenfalls für unsere Zeit – die Akten geschlossen.

Werner Egk war das, was man einen gebildeten Mann nennt. Er malte und zeichnete mit Talent und war ein wortmächtiger Autor, vor allem in eigener Sache. Ein Beleg dafür ist der Streit über das „Abraxas“-Ballett, das der bayerische Kultusminister Alois Hundhammer Ende der vierziger Jahre wegen „obszöner“ Passagen vom Spielplan der Münchner Oper absetzte. Andere Belege finden sich in den polemischen Fehden über die Neue Musik. Egk nahm Auswüchse und Schmockereien fürs Ganze. Ihm paßte die Richtung halt nicht. Leider ließ er sich von inkompetenten Scharfmachern zum prominenten Aushängeschild der fruchtlosen Kampagne machen. Im privaten Gespräch konnte er von natürlichem Charme und distanzierter Noblesse sein.

Ein Mensch mit seinem Widerspruch ist still, beinahe unbemerkt von der Lebensbühne abgetreten. Aus dem Star von damals war einer geworden, von den nur noch Anekdoten künden. Nachwirkendes ist weiter nicht zu vermelden.

Hans-Otto Spingel