So ungewiß das Schicksal der fünfzehnjährigen Vatikanstaatsbürgerin Emanuela Orlandi Mitte der Woche war, so zweifelhaft wirkt die Publizität, die ihre Entführung dem Papst-Attentäter Ali Agca verschafft hat.

Kaum hatten sich die angeblichen Entführer der Tochter eines Vatikan-Bediensteten mit der Forderung gemeldet, Ali Agca freizulassen, verlangte der zu lebenslänglicher Haft verurteilte Türke, selbst gehört zu werden. Daß dies nicht in seinem Gefängnis in Ascoli Piceno geschah, daß man ihn vielmehr eigens dazu nach Rom transportierte, hatte einen guten Grund: Längst weiß die italienische Justiz, daß sich der Attentäter vor der Rache seiner Auftraggeber nur im Gefängnis sicher fühlt, und dies mußte nun den Entführern Emamußte öffentlich bewiesen werden – falls diese wirklich zu den Hintermännern des Türken gehören.

Die Szene wirkte freilich so, daß sich Italiens Justizminister genierte und nachträglich eine Untersuchung anordnete. Zwischen Gerichtsgebäude und Polizeibus wurde nämlich dem bislang brutal abgeschirmten Türken Gelegenheit geboten, sich halb hysterisch, halb ängstlich zum ersten Mal an die Weltöffentlichkeit zu wenden:

„Ich fühle mit dem Mädchen, ich habe nichts mit diesem Verbrechen zu tun, ich bin mit Italien, mit dem Vatikan, ich bereue das Attentat, ich lehne jeden Austausch ab, mir geht es gut im Gefängnis“, rief er in gebrochenem Italienisch. Dann, auf Fragen, die ihm nachgerufen wurden, brüllte er: „Ja, ja, mit den Bulgaren, mit Antonov.“ Und auf amerikanische Zurufe hörte man seine Stimme, schon hinter dem Busfenster: „Yes, yes, KGB, KGB!“

Daraus wurde dann in den Medien aller Welt ein „Interview“, ja eine aufschlußreiche „Pressekonferenz“. In Wahrheit sind Italiens Untersuchungsbehörden seit einem Jahr, nachdem der Türke sie auf die bulgarische Fährte geschickt hatte, kaum weitergekommen. Auch der zuständige Richter, der jetzt zum ersten Mal nach Sofia reiste, dürfte dort schwerlich Beweismaterial vorfinden, das zu einer Anklage gegen den Bulgaren Antonov wegen Beihilfe zum Papst-Attentat ausreicht.

Um so unwahrscheinlicher ist es, daß sich durch die Entführung des Mädchens Emanuela Orlandi tatsächlich Drahtzieher des Anschlags zu erkennen gaben – und sei es nur durch die unverblümte Forderung, Ali Agca „nach Brandenburg in der DDR“ zu entlassen. Eher lag der Verdacht nahe, daß damit von ganz unpolitischen Spuren eines Verbrechens an Emanuela abgelenkt werden sollte. „Wir wollen sichere Beweise, daß unsere Tochter lebt“, forderten deshalb die Eltern, die ebenso wie die Polizei an den photokopierten Lebenszeichen zweifelten. Auf dem „direkten Draht“ zum Vatikan, den die Entführer forderten, lief kaum etwas, jedenfalls nichts Politisches: Der Papst versicherte, er sei dabei, „zur glücklichen Lösung des traurigen Falles das Menschenmögliche beizutragen“. Und dazu könnte gehören, daß er in die Vatikan-Kasse greift, um das Kind eines Mannes zu retten, der in seinem Vorzimmer Dienst tut.

Hansjakob Stehle (Rom)