Von Gerhard Prause

Nach der Zwischenlandung in Beirutwären es in friedlicheren Zeiten nur wenige Minuten bis ins 75 Kilometer entfernte Damaskus. Jetzt aber, wegen der politischen Spannungen, muß die Maschine wieder ein Stück zurück nach Westen, weit hinaus aufs offene Meer, um dann in einer großen Schleife den Libanon zu umfliegen, und so braucht sie noch eine gute Stunde bis in die Hauptstadt der Arabischen Republik Syrien. Auf dem Airport vergeht dann noch einmal viel Zeit, obgleich gar nichts los ist. Aber das Prüfen der Pässe geschieht mit Gründlichkeit. Geprüft wird nicht nur das Einreisevisum für Syrien, geprüft wird auch, ob jemand ein israelisches Visum im Paß hat, denn den lassen die volksdemokratischen Syrer nicht ins Land.

Also ist genügend Muße, den gepflegten Marmorboden zu bewundern. Nur in Tokio sah ich einen so sauberen Airport. Diese Sauberkeit fand sich später überall wieder, in Damaskus, in Aleppo, in der Wüstenstadt Palmyra, auch in den Hafenstädten Tartus und Latakia (wo allerdings der Strand verölt und voller Plastikreste war), in den Dörfern und ebenso bei den gut besuchten archäologischen und historischen Stätten, auf den Ruinenfeldern und in den mittelalterlichen Burgen. Und Syriens Bewohner sind freundlich, hilfsbereit, entgegenkommend, was besonders für junge Leute gilt, Schülerinnen und Schüler, die sich freuen, an Touristen ihre Französisch- oder Englischkenntnisse testen zu können.

Wenig freundlich allerdings sind Syriens Soldaten, wenn sie argwöhnen, daß Militärisches photographiert wird. Schon ein argloser Schnappschuß von einer Dachterrasse über Damaskus kann als Spionage mißverstanden werden. Zurückhaltung ist auch mit politischen Bemerkungen angebracht.

Dies sind die Nachteile eines betont militaristischen Landes, dessen Bewohner sich fast umstellt wähnen und nur noch nach Norden eine neutrale Grenze haben, zur Türkei hin. Von da kann man gut mit dem Auto nach Syrien einreisen, wobei sich ein Vorteil des Militärischen zeigt: das gut ausgebaute Straßennetz, das zügiges Reisen zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten ermöglicht. Und daran ist Syrien reich. Ein andere Vorteil ist die Sicherheit vor Dieben. Niemand muß damit rechnen, daß ihm Autoscheiben eingeschlagen werden oder daß er bestohlen wird. Und nirgendwo wird man belästigt, nicht von Bettlern, nicht von Geldwechslern, auch nicht von Händlern.

Gast im Beduinenzelt

Stundenlang kann man durch die berühmten Souks von Aleppo wandern, diese etwa zwölf Kilometer langen überdachten Bazarstraßen mit Tausenden von Geschäften, Kaufmannsgewölben, Werkstätten, umsäumt von Karawansereien, Bädern und Moscheen. Da wird nicht versucht, den Fremden zum Kaufen zu überreden. Und wer kauft, Seide zum Beispiel, die überall in Syrien preiswerte ist, Tischdecken, Kupfergefäße, Teppiche, Gold- und Silberschmuck oder Süßigkeiten, Früchte, Nüsse, Mandeln, der muß nicht allzu sehr den Verdacht haben, übers Ohr gehauen zu werden. Syrien ist ein ordentliches Land. Und es ist ruhig, ausgesprochen leise. In den Bazars gibt es kein Geschrei, auf den Straßen wird kaum gehupt, und nirgendwo hört man lautes Musikgedudel. Manchem mag das merkwürdig unorientalisch erscheinen, sofern „Orient“ mit laut, schmutzig, aufdringlich verbunden wird. In Wahrheit ist Syrien fast märchenhaft orientalisch. Und gerade dies macht seinen Reiz aus. Etwa die vielen alten und sehr gepflegten Moscheen mit ihren stillen Höfen. Oder im Wüstengebiet die gastfreundlichen Beduinen mit ihren Schafen und Ziegen. Wenn man sich von ihren großen Hirtenhunden nicht verbellen läßt, sondern auf die großen, offenen Hauszelte zugeht, dann kann es sein, daß man gebeten wird einzutreten., wo die ganze Familie versammelt ist.