Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Die Sowjetmetropole in diesem Sommer: sie wirkt freundlicher und farbiger, dynamischer und weltoffener als je zuvor. Die kommunistischen Ikonen an Hauswänden und den großen Ausfallstraßen sind verschwunden: nirgends ein Bild von Staats- und Parteichef Andropow. Die letzte Riesentafel mit einer Parole Leonid Breschnjews ist vor wenigen Tagen abmontiert worden. An den schönsten Fassaden der Innenstadt hält sich noch immer der Olympia-Putz von 1980. Die gefürchtete Lubjanka, das KGB-Hauptquartier, in dem Andropow 15 Jahre seinen Amtssitz hatte, wird frisch getüncht. In ihrem Schatten flanieren westliche Touristen und sowjetische Jugendliche – nicht selten mit fast gleichen T-Shirts und Jeans. Ein paar hundert Meter weiter, vor den Ausländerhotels zwischen Marx-Engels-Platz und Gorkij-Straße, sammeln sich abends kleine Schwärme leichtgeschürzter Sowjetbürgerinnen, die ihre potentiellen Kunden jetzt schon auf der Straße ansprechen.

Auf den ersten Blick scheint jene ungewöhnliche Koalition im Kreml zwischen Staatssicherheit und Armee, die den Sowjetmenschen aus westlichen Paradies-Erwartungen vertreiben und zu neuer Arbeitsmoral anhalten will, ihr bisheriges Ziel verfehlt zu haben. Die erste, harsche Disziplin-Kampagne ist schon ins Anekdotische entrückt: Zwei Generäle, so erzählen sich die Moskauer schadenfroh, saßen während ihrer Dienstzeit gerade im Dampfbad, als sie von Andropows Zivilfahndern bloßgestellt wurden. Inzwischen wird nur noch in den Fabriken etwas stärker als zu Breschnjews Zeiten auf Disziplin geachtet. So entsteht der Eindruck, als sei Moskau auch innenpolitisch schon wieder zu jener Übergangszeit und Stagnation zurückgekehrt, die ein westlicher Diplomat jüngst mit der Formel umschrieb: „Andropow ist ein wenig wie Roosevelt – einen Teil seiner Amtszeit muß er im Rollstuhl verbringen.“

Doch diese Bilder zeigen nur die Vorderansicht. Hinter den Mauern des Kolonnensaals, an denen abends die bewußten und selbstbewußten jungen Damen auf dem Weg zu den Ausländerhotels vorbeiziehen, fuhr vor wenigen Wochen Moskaus Stadtparteichef Grischin schärfste Geschütze auf gegen die ideologische Gefahr aus dem Westen und die negativen Erscheinungen des sowjetischen Kulturlebens. Fern vom Alltag der Arbeiter und der an kapitalistischen Konsum-Symbolen orientierten Sowjetjugend wird schon seit Monaten auf Parteiaktiven und in Verbänden an einer neuen Kulturpolitik und an der Abschottung gegen die „imperialistische Infiltration“ gebastelt. Auf dem jüngsten ZK-Plenum, das eben diesem Thema gewidmet war, forderte Andropows Rivale, der neue „Chefideologe“ Konstantin Tschernjenko, eine sozialistische Aufbaukunst wie in den Nachkriegsjahren: „Wir benötigen herausragende Schilderungen über die Helden des Planjahrfünfts.“

Die Reaktion der nicht-parteifrommen Künstler war anfangs geschlossen, dann gespalten. Zunächst weigerten sich alle, die Reden überhaupt nachzulesen. Als sie es schließlich dennoch taten, waren die einen verunsichert bis entsetzt, während andere abwinkten: „Im alten China mußte ein neuer Kaiser 30 000 Eunuchen haben – so sucht unsere Führung jetzt auch ihre positiven Helden.“ Die Frage ist, welche Spitzenfunktionäre diese Suche besonders vorantreiben. Verschärft Tschernjenko in seiner Rolle als ideologischer Gralshüter selber den Kurs – oder überläßt Andropow ihm die undankbare Arbeit, die Tschernjenko noch mehr zum plumpen Apparatschik und vulgär-marxistischen „Theoretiker“ abstempelt?

Der kränkelnde Kremlchef jedenfalls legt weiterhin größten Wert darauf, bei der kritischen Intelligenz als Mann des Geistes zu gelten. Das belegt zum Beispiel seine Reaktion auf einen ungewöhnlichen Vorfall im März dieses Jahres: Bei einer Abschlußfeier der Winter-Spartakiade im vollbesetzten Stadion von Krasnojarsk war der Schriftsteller Viktor Astafjew, ein hochangesehener Vertreter der berühmt gewordenen Dorf-Prosa, programmgemäß ans Mikrophon getreten. Was er dann zehn Minuten lang in die Arena schrie, war allerdings nicht eingeplant: „Wie lange wird man noch unsere Erde vernichten?“ fragte der grüne Sowjet-Autor und steigerte sich dann in immer größere Empörung. „Der Wald stirbt, die Fische sterben. Selbst Sibirien wird schon zugrunde Berichtet. Wie lange werden die Baskaken (so hießen die Steuereintreiber, als die Mongolen Rußland beherrschten) noch regieren? Wie lange soll diese Oprischina (die Büttel Iwans des Schrecklichen) noch herrschen?“ Der völlig aus der Fassung geratene Astafjew wurde schließlich vom Mikrophon weggezogen. Vor weiteren Maßnahmen bewahrte ihn sein Schicksal als Kriegsinvalide und sein Ansehen.