Kaiser Franz Joseph heißt Gottlieb Scheutz und regiert für freie Kost und Logis: Bevor er Kaiser wurde, war er Angestellter beim Stahlwerk Voest-alpine. Seit drei Jahren herrscht er in Saalbach-Hinterglemm. Seither ist dort jeder Sommer ein Kaisersommer. Mit diesem griffignostalgischen Slogan nämlich wirbt die Gemeinde, die keine traditionelle österreichische Sommerfrische ist, sondern eine perfekte Wintersportmaschine mit über 1 300 000 Übernachtungen allein in der weißen Saison.

Solange der Schnee liegt, läuft das alles ganz schön. Der Skizirkus spielt mit höchst zufriedenstellendem Erfolg. Aber im Sommer füllen sich die Betten nicht automatisch. Was macht also ein Ott, dessen Saison von Dezember bis April dauert und noch einmal von Mai bis Oktober dauern soll? Er muß sich etwas einfallen lassen. So ist der Kaiser Gottlieb für den Sommer geworden, was der Skiclown für den Winter ist – ein werbewirksames Maskottchen. Seinen größten Auftritt hat er bei einem Ereignis, das denselben Zweck hat wie er, nämlich die Ankurbelung der Sommersaison: das Kaiserschmarrenfest.

Am Abend davor rollt noch einmal das traditionelle Programm ab – alpine action zur Gaudi der Flachländer. Denn so strahlend wie, der blaue Himmel, der sich sommers über Schattberg und Kohlmaiskopf wölbt, ist die Situation des Fremdenverkehrsgewerbes nicht. Zwei Drittel der Urlauber kommen im Winter. Beinahe drei von vier Betten stehen im Sommer leer. Zahlt man im Februar 110 Mark für eine Übernachtung mit Halbpension, bekommt man im Mai das gleiche Bett zum halben Preis. Das deckt nicht einmal immer die Kosten der Hoteliers.

Der Freitag ist dem Tiroler Heimatabend vorbehalten – ein Bestseller in jedem Bergnest. Tirol ist längst das Synonym für alpenländische Geselligkeit – Saalbach liegt im Salzburger Land.

Draußen, zwischen den Hotels „Panther“ und „Igonda“, sind die Bänke aufgestellt. Fürs Bier werden 20 Schilling kassiert und zehn für den Schnaps. Holländer und Schweden, Deutsche und Dänen schunkeln gemeinsam, wenn die „Sonnalm-Buam“ lauthals dazu auffordern. Nichts wird ausgelassen, was sich unter der Rubrik Frohsinn“ bewährte. Für die Deutschen steht in München ein Hofbräuhaus, die bekommen Tulpen aus Amsterdam. Der Ententanz“ ist für alle da. Als die „Viehhofer Schuhplattler“ ein paar rüstige Omas auf die Tanzfläche zerren, sie ein paarmal herumdrehen und dann huckepack wieder zu ihrem Platz hieven, da strahlen nicht nur die Seniorinnen selbst, da kommt auch im Publikum Freude auf. Die Polonaise Blankenese ist weit über Wuppertal hinausgeschossen. Bis spät in die Nacht tobt der Tiroler Abend, der Schnee-, Schneewalzer ist die kleine Nachtmusik, die in die Hotelzimmer klingt.Am Samstag wird für das große Fest gehämmert und gesägt. Auf einem Gabelstapler verrenkt sich ein junger Mann, um Lampions über die Straße zu spannen, die „Kuhbusen“-Bar ist schon aufgebaut. Oben auf dem Schattberg, dem Hausberg Saalbachs, pfeift ein kalter Wind. Niedlich liegt Saalbach tief unten, der Blick aus der Höhe verklärt. Von oben sieht man nicht, daß der Ort fast nur aus Hotels besteht.

Dunkle Wolken umhüllen ein Meer schattiger, schroffer Berge, aus der Ferne grummelt schon der Donner. Um zwei Uhr soll das Kaiserschmarrenfest beginnen, um zwei Uhr donnert und blitzt und gießt es, Was die Wolken nur hergeben.

Um halb vier ist der Regen müde geworden und die Urlauber munter. Noch fallen die letzten Tropfen, aber in Anoraks Und Öljacken, den Regenschirm in der Hand, streunen schon die ersten Neugierigen durch die Straßen. Bald riecht es nach Schweinshaxen, Grillwürstln und Fischsemmein. Für 20 Schilling wird Sekt oder Pfirsichbowle ausgeschenkt. Eine Stunde nach dem Wolkenbruch schieben sich die Urlauberscharen durch die Hauptstraße.