Wahrscheinlich rechnen Sie jetzt mit einer Danksagung der Schüler oder etwas Ähnlichem. Aber eine Danksagung der Schülerschaft kann nicht Inhalt meiner Rede sein, denn ich weiß wirklich nicht, ob alle Schüler dankbar für die Dinge sind, die ihnen während ihrer Schulzeit widerfuhren. Ich kann nicht einmal eine Rede für die Schülerschaft halten, denn ich bin sicher, daß nicht alle Schüler meine Auffassung teilen.

Ich halte also meine persönliche Abiturrede, erstens, weil ich Ihnen oder uns noch etwas sagen möchte, und zweitens, weil es üblich ist, daß auch ein Schüler an diesem Abend spricht.

Während meiner Schulzeit habe ich fast nie den engen, menschlichen Kontakt zu meinen Lehrern bekommen, der allein ermöglicht, von ihnen mehr als nur ein paar Fakten zu lernen. Ich habe das sehr bedauert, denn eigentlich sollte die Schule die Schüler zu mündigen Bürgern erziehen, und das heißt für mich zu individuellen Persönlichkeiten.

Aber wie soll das geschehen, wenn einerseits die Lehrer den Schülern immer nur als Autorität – und zwar als Fachautorität für ihr jeweiliges Unterrichtsgebiet – entgegentreten und andererseits die Schuler in ihrem Lehrer immer nur diese Autorität erkennen wollen, wenn sie sich gegenseitig dazu antreiben, Zeichen der Menschlichkeit als Schwäche auszulegen und auszunutzen? Wie also soll er zur Ausbildung von Persönlichkeiten kommen, wenn die Berührung mit der Persönlichkeit des Menschen, der die Schüler erziehen soll, so konsequent unterbunden wird?

Ich hatte in meiner Schulzeit das Glück, zu einigen wenigen Lehrern eine persönliche, eine menschliche Beziehung zu bekommen. Ich kann mich nur darüber wundern, wie stark mich diese Menschen beeindruckt und geprägt, wie sehr sie mir bei der berühmten „Entfaltung meiner Persönlichkeit“ geholfen haben. Andere Lehrer, die ich viel häufiger gesehen habe, die viel mehr Gelegenheit dazu gehabt hätten, haben trotzdem keine Bedeutung in meinem Leben mehr, weil ich ihre Persönlichkeit nie erkennen konnte und weil sie nur „der Lehrer“ blieben.

Ich weiß, daß ein Lehrer in große Konflikte geraten kann, wenn er seine Persönlichkeit mit in den Unterricht einbringt; da ist zum Beispiel das Problem der Notengebung. Aber ich glaube, Lehrer und Schüler kämen mit dieser leidigen Pflicht besser zurecht, wenn sie dies als Teil der Persönlichkeit des Lehrers akzeptieren und tolerieren würden.

Ich glaube außerdem, Lehrer, Schüler und Eltern müssen endlich begreifen, daß Wissen erst dann seinen wahren Wert erhält, wenn es sich mit einer Persönlichkeit zu einer Einheit verbindet und ihr nicht länger wie ein Fremdkörper eingepflanzt wird – so etwas führt bekanntlich zu Abstoßungsreaktionen.