Von Petra Kipphoff

Der Mann auf der Radierung dreht uns den Rücken zu. Auf die Wand, an die er gerade pinkelt, sind Männchen gekritzelt, und dann steht da noch der Satz: Ensor est un fou – Ensor ist ein Spinner.

Ensor im Werk von Ensor: das ist das Hauptthema des Belgiers, der in seiner Einsamkeit und Besessenheit nur Munch oder van Gogh vergleichbar ist, der ein Zeitgenosse der Impressionisten und Surrealisten war, von Matisse und Picasso, und der in 89 Lebensjahren doch an keiner der großen Bewegungen der Zeit teilhatte, an keiner teilhaben wollte. Sein Landsmann Magritte, dessen abgründige Rätselbilder auch mehr in der Brüsseler Wohnküche als aus dem Geist der Kunstdiskussionen der Zeit entstanden sind, war, ist, verglichen mit Ensor, fast ein Salonlöwe zu nennen.

Es gibt zahllose Selbstporträts von Ensor: vom selbstbewußten Neunzehnjährigen an der Staffelei; vom koketten jungen Mann mit Federhut à la Rubens; vom zarten Intellektuellen, der in einer Heilandsgeste auf sich selbst weist; vom Opfer der Dämonen; vom Sülzkopf auf dem Teller, den die Kritiker-Köche präsentieren; vom Galan, wiederum mit dem Hut des verehrten Rubens, umgeben von Masken; vom fröstelnden Männlein, das aus dem Badekarren steigt und der dickbäuchigen Frau, die ihn mit offenen Armen empfangen möchte, zu entgehen sucht; vom Mann, der "in Trauer und Prunk" Teil des Mobiliars geworden ist; vom freundlichen Opa mit Nickelbrille; vom dünn skizzierten Skelett ("Mein Selbstporträt 1960"). Und schließlich hat Ensor, die Puppe in der Puppe, auch immer wieder sein Atelier gemalt, vollgehängt mit den eigenen Bildern, also auch den Selbstbildnissen.

Aber Ensors Selbstporträts sind nicht nur Selbstbeobachtung, Stationen einer ungeschönten Biographie (wie zum Beispiel bei Rembrandt). Ensor spricht aus diesen Selbstdarstellungen auch das Gegenüber an, das ihm in seiner lebenslangen Ostender Einsamkeit fehlte, das Publikum, das er nicht hatte. Dieses Ostende, in dem er 1860 geboren wurde und 1949 starb und in dem er vom zwanzigsten Lebensjahr an sein Atelier im Dachstuhl mit dem Blick auf das Meer hatte, gab ihm seine Träume und Albträume:

Ostender Scholastik ist unsere Schutzpatronin geworden. Wir sind alle von ihrem Schaum, ihrem Schleim und frischer Gischt beschwipst, von ihren Miesmuscheln ernährt, wie unser Schöffe Elleboudt, genannt Ellebot, der dicke Fisch, wie Raick, der geschrumpfte Hai, wie: Scorff, die gefüllte Krabbe, wie Verbrugghe und seine Rötlinge, wie Verhaeghe und sein Bruder, der kurzatmige Triton, der schlecht auf dem widerspenstigen Meerpferd oder dem dreihöckerigen, greiferköpfigen Kamel sitzt; wie unser Freund, der vollbärtige Civis, und der guterhaltene Thone von immer gutem Thon; wie die lamentablen Lamantine mit ihrem Gemeinde-Lamento; noch treibt Herr Baels einem fernen Ministerium zu, und Herr Moreaux, forscher Dorsch, wartet immer noch auf sein heilverheißendes Netz. Wahrhaftig, ich geräucherter, bockiger Bückling, ich sag Euch das: Ja, wie gerne weiß ich gewisse offizielle Vertreter unseres schönen Ostendes unter uns, und ich möchte ihre jüngsten Errungenschaften preisen.

In seinen Selbstporträts und in seinen überquellend wortfinderischen Schriften imaginiert Ensor das Publikum, das ihn Schriften oder ignorierte, und er spricht es direkt an, ist vertraulich und aggressiv, verhöhnt sich und die anderen in burlesken Szenen, grellen Farben, wilden Worten. Und dieses Publikum, das ihn, als er noch ein fordernder Künstler war, zurückstieß in die Einsamkeit (sein Ruhm kam etwa 1920, als er zwar noch lebte, sich selbst aber schon lange überlebt hatte), das weist er dadurch in die Schranken, daß er selber sich in der Pose des Überlegenen, auch des Märtyrers darstellt. "Ich glaube, ich bin ein ungewöhnlicher Maler", schrieb er, und er grüßte seine fernen darstellt. Seid gegrüßt, Eugène Delacroix, Rubens, Reynolds, Rops, Robie, Henri Regnault, de Lairesse, Fromentin, Levêque, Lemmen, De Groux, Dujardin, Delville, Hannon, etc.!