Den ersten Rundgang zu den Entwürfen hatten die Preisrichter schon gemacht. Sie ahnten, daß ihnen, sobald sie sich genauer damit beschäftigen würden, nichts den Atem verschlagen würde. tapfer nahmen sie noch einmal Anlauf, so, als hofften sie, mit ihren Beschwörungen doch noch etwas für die Baukunst retten zu können.

"So ein Haus" (also: ein so großer, einflußreicher, international bekannter Verlag wie Gruner+Jahr in Hamburg, der nicht nur den stern und Brigitte, Schöner Wohnen und Geo, sondern noch vielmehr solcher Blätter herausbringt, zu schweigen von den Fernsehfilmen, Schallplatten und Büchern), "so ein Haus", sagte einer der Juroren, "hat irgendwie ’ne Verpflichtung." Ein anderer ergänzte: "Es genügt nicht, daß das Gebäude gut funktioniert." Zwar widersprach der dritte, denn "vor allem" müßten sich die Mitarbeiter darin wohl fühlen, aber das korrigierte der vierte: Hervorragende Architektur gewähre beides, Gebrauchstüchtigkeit und Baukunst.

Wie das gemeint war, faßte der fünfte schließlich in eine Metapher, die man nicht ganz zufällig auf der ganzen Welt versteht: Eigentlich, sagte er, erwarte man von einem so bedeutenden Unternehmen "ein Centre Pompidou", gemeint war damit eine außergewöhnliche Architektur, die praktisch ist, aber den Sprung in die Baugeschichte schafft. Zumindest sollte man ein Gebäude erhoffen, das so identisch wird mit der Stadt, in der es steht, daß man nur eines von beiden zu nennen brauchte, um das andere zu wissen.

Ob das neue Verlagsgebäude, das nun zwischen zwei Hamburger Wahrzeichen, dem Hafen und dem Michel, entstehen soll, selber eines werden wird, ist ganz zweifelhaft – besonders dann, wenn der Entwurf des ersten Preisträgers (von Gerkan, Marg und Partner) gebaut wird, nicht aber der des zweiten, der eigentlich auch ein erster war (Otto Steidle und Partner): Beide sind zu verbesserten Entwürfen aufgefordert.

Das Streitgespräch der Jury über die beiden Protagonisten war auch eins über zwei Haltungen. Die einen stritten für den konventionellen Vorschlag des ersten (aneinandergereihte offene Blocks an einer großen öffentlichen Passage), die anderen für das winzige Wagnis des zweiten (ein Verlagshaus wie ein Stadtviertel mit parallelen Häuserzeilen und glasgedeckten Gängen sowie amüsanten Querverbindungen).

All das wäre nicht weiter der Rede wert, offenbarte es nicht eine bei großen Bauherrn schrecklich verbreitete Gewohnheit. Da war, zum einen, das Raumprogramm nicht nur riesig und kompliziert, sondern bis in die Details so festgelegt, daß die Phantasie der Architekten daran offenbar Schaden nahm. Da waren, zum anderen, die zwölf Wettbewerbsarchitekten nach der Devise "keine Experimente" ausgesucht worden: Routine war dem Verlag wertvoller als Eigenwilligkeit. Man begegnete lauter im Verwaltungsbau bewanderten, sehr soliden (und keineswegs unbegabten) Büros, aber auch nicht einem, das Aufregung zu machen drohte: keine Centre-Pompidou-Erfinder darunter, kein Duo Fehling und Gogel, deren Gebäude Zeitungsleute zum Schwärmen bringen, nicht einmal ein frecher Könner, der dem Verlag weltweite Nachrede mit einem gesprengten Giebel zu verschaffen suchte, geschweige einer, der den Druckwerken des Unternehmens G+J den Heiligenschein höherer Baukunst beigäbe. Allein die sympathische Idee des zweiten Otto Steidle widerspricht ein wenig dem Üblichen.

Doch auch er kann die Angst des Bauherrn vor der Architektur und ihren gefürchteten Launen nicht vertuschen. Zaghaftigkeit wird meist durch Unkenntnis oder Unsicherheit verursacht. Und so überspielt das Übermaß an pragmatischem Handeln nur einen Mangel an Aufgeschlossenheit und Mut, an Kultur. Florenz hätte auf diese Weise niemals seinen Dom, New York nicht sein Seagram Building, die Landesregierung von Illinois niemals ihre angeschnittene gläserne Torte mit dem runden öffentlichen Atrium bekommen – und wir müßten ohne die praktische Metapher vom Centre Pompidou auskommen. Manfred Sack