In Amerika kommt der Aufschwung trotz hoher Zinsen

Von Jes Rau

Noch in der Erklärung zum Abschluß der Gipfelkonferenz von Williamsburg hieß es, die Beteiligten seien sich einig, auf ein weiteres Absinken der Zinsen hinzuwirken. Sinkende Zinsen – ach, das hört man gern. Weltweit könnte man einen Seufzer der Erleichterung hören, wenn die Kredite nur wieder billiger würden. Überall ist man es gründlich satt, bei der Bank immer nur Hochprozentiges für den Kreditdurst angeboten zu bekommen. „Die hohen Zinsen sind wie die Pest – eine Geißel der Menschheit“, meinte ein amerikanischer Bauunternehmer.

Mit dieser Geißel wird die Menschheit allerdings noch eine geraume Zeit leben müssen. Denn leider kümmert sich die Zinsentwicklung nicht um die guten Wünsche der Staatslenker. Seit einiger Zeit hat sie sogar wieder steigende Tendenz. Der Verfall der Anleihekurse hat das Zinsniveau auf dem amerikanischen Kapitalmarkt bereits um einen Prozentpunkt nach oben geschoben. Gerüchten zufolge drängt eine starke Fraktion im Offenmarkt-Ausschuß der US-Zentralbank sogar darauf, den Diskontsatz heraufzusetzen, der mit 8,5 Prozent schon seit geraumer Zeit nicht mehr in die Zinslandschaft paßt.

Nur niedrige Zinsen sind gut

Eine solche Maßnahme käme einer offiziellen Sanktionierung des nach oben weisenden Zinstrends durch die „Federal Reserve Bank“ gleich, was der Popularität ihres Chefs Paul Volcker sicherlich nicht förderlich wäre. Solange die Zinsen nach unten gingen, war Volcker die Rolle eines Publikumslieblings zugewachsen, dem US-Präsident Reagan die Wiederernennung zum Oberaufseher der amerikanischen Notenpresse nicht versagen mochte. In dieser Woche muß Volcker im Senat des US-Kongresses antreten, um die Bestätigung für die Wiederernennung zu bekommen. Was die Senatoren zuallerletzt hören wollen, ist, daß die Zinsen wieder steigen. „Nur ein niedriger Zins ist ein guter Zins“, beschreibt ein Assistent des zuständigen Ausschusses die im Senat vorherrschende Stimmung.

So sieht man die Dinge auch im Weißen Haus. Ronald Reagans Pressesprecher Larry Speaks ließ verlauten: „Wir wollen keine höheren Zinsen, und wir wollen kein neues Inflationsfieber.“ Womit das Dilemma umrissen ist, in dem Paul Volcker steckt. Denn wenn die Federal Reserve bei der Versorgung der amerikanischen Volkswirtschaft mit Dollars zu großzügig ist, droht die für scheintot erklärte Inflation wieder aus dem Grabe zu steigen. Anzeichen für eine solche Wiederauferstehung gibt es allerdings noch nicht. Schließlich sind die Konsumgüterpreise im ersten Jahresviertel sogar um 0,4 Prozent gefallen und allgemein wird erwartet, daß die Inflation in diesem Jahr unter der Vierprozentgrenze bleiben wird. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß der Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft sich „mäßig aber regelmäßig“ vollzieht. Entgegen den Erwartungen all der Griesgrame unter den Konjunkturpropheten, die einen „anämischen“, „schwachbrüstigen“ und „wackligen“ Aufschwung vorhergesagt haben, kommt die Konjunktur auf Touren. Aus allen Ecken Amerikas – selbst aus dem von der jahrelangen Autoflaute geräderten Mittleren Westen – meldet der Einzelhandel, daß die Käufer in Scharen in die Geschäfte strömen. Die Verkaufsergebnisse mehrerer Warenhausketten im Juni übertrafen sogar die des Weihnachtsmonats Dezember. „Was ist nur los?“ fragte ein Fernsehreporter, „hat sich der Nikolaus im Kalender vertan?“