Mütter und Töchter verbünden sich gegen den Rest der Welt: Kein Liebespaar sind die beiden, eher ein siamesisches Doppelwesen, aneinandergewachsen, unzertrennlich. Strindbergs Ehehöllen sind der reine Boulevard dagegen.

Von Benjamin Henrichs

Doch die Mutter weinet sehr. Und weil die Mutter so sehr weint, kommt Hans, den man Hänschen nennt, rasch wieder nach Hause. Geschwind wie der Wind.

Ein Kinderlied, schlicht die Botschaft, einfältig die Melodie: Nur fünf Töne auf der Tonleiter braucht sie, schon ein Kleinkind kann sie klimpern auf dem Klavier.

Und doch erzählt das simple Liedchen (Achtung, Doktoranden!) ein archaisches Gleichnis: über den Freiheitsdrang der Söhne, die erpresserische Liebe der Mütter, die unweigerliche Kapitulation des Kindes. Soviel zu Hans.

Was aber macht Grete? Denn sooft, vom Volkslied bis zur Hohen Literatur, von Ödipus bis Arrabal, beschrieben wurde, was Mütter ihren Söhnen, Söhne ihren Müttern antun; sooft, vom Alten Testament bis zu Franz Kafka, Väter und Söhne in mörderische Konflikte gerieten; und sooft, von Lessings „Emilia Galotti bis zu Handkes „Kindergeschichte“, die heikle Liebesaffäre zwischen Vätern und Töchtern erforscht wurde – für die Geschichte zwischen Müttern und Töchtern hat sich die, Kunst bisher noch nie recht interessiert. Weil es eben keine wirklich interessante Geschichte ist? Oder weil von allen bedrohlichen Familien-Mythen dieser der unbekannteste, der unheimlichste ist? Ein dunkler, unerforschter Kontinent – das „graue, grausame Land der Mutterliebe“ nennt ihn Elfriede Jelinek, die österreichische Schriftstellerin.

Nur in den Märchen spielen sie ganz ungeniert die unheilvolle Hauptrolle: die bösen Mütter und die noch böseren Stiefmütter, mit ihrem Horrorarsenal von verdorbenen Äpfeln, vergifteten Kämmen, tödlichen Schlaftrunken. Und wie im Märchen, so erzählt unser deutsches Nationaldrama ganz am Rande auch eine mörderische Mutter-Tochter-Geschichte: Margarete, die man Gretchen nennt, gibt der Mutter das tödliche Gift. Natürlich tut sie es arglos – der Mann, Faust, der grause Heinrich, hat es ihr gegeben. Soviel zu Grete.