ARD, Mittwoch, 20. Juli, 20.15 Uhr: „Zuckerhut“, Film von Vivian Naefe.

Was Neues machen müßte man, meint Marie, die Welt verändern, und: „Wenn das nicht geht, dann wenigstens reich und glücklich werden.“ Marie (Despina Pajanou) arbeitet freiberuflich als Zeichnerin, lebt schlecht und recht davon, Karikaturen an Zeitschriften zu verkaufen. Wie sooft im Leben klaffen Theorie und Praxis auseinander. Nicht nur bei Marie, sondern auch bei ihren beiden Freundinnen: Eva (Gundi Ellert) schleppt sich seit Jahren mit ihrer Doktorarbeit dahin, obwohl sie dringlich nach Nepal will; ansonsten greift sie sich nach Bedarf jüngere Männer, denen sie sich überlegen fühlen kann. Petra (Rita Keil) läßt sich von einem älteren Mann aushalten, kultiviert den Konsum und lebt ihre Libido aus, indem sie klaut wie ein (weiblicher) Rabe.

Vivian Naefe Jahrgang 1953), Absolventin der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), zeigt in ihrer Abschlußarbeit Alltags-Szenen aus dem Dasein dreier emanzipierter (?) Frauen um die Mitte Zwanzig – mit modernen Köpfen und manchmal sehr altmodischen Gefühlen. Verlieben sie sich zum Beispiel (in einen Mann), dann zittern ihre Hände und schwindet ihr Appetit. Autorin/Regisseurin Naefe und ihr Koautor Ulrich Limmer schildern die Dinge des Lebens so, wie sie meistens sind: ausgesprochen widersprüchlich. Dem harten Kern der Frauenbewegung mag dies ideologisch nicht progressiv genug sein.

Dafür zeichnet sich „Zuckerhut“ durch eine Professionalität aus, die im Neuen Deutschen Fernsehen keineswegs selbstverständlich ist. So ergab sich auch die ungewöhnliche Situation, daß ein Hochschul-Abschlußfilm nicht nur von einer Anstalt (dem Hessischen Rundfunk) mitproduziert wurde, sondern auch zur besten Sendezeit präsentiert wird. Kein Experiment also, denn dafür sind Fernsehprogramm-Macher derzeit nicht sonderlich aufgeschlossen, sondern ein Präzedenzfall – ein erfreulicher.

Wenn man von diesem Fernsehfilm be- und getroffen sein kann, dann liegt das nicht zuletzt daran, daß die Autoren Naefe und Limmer ihrer unmittelbaren Umgebung und sich selber auf den Mund geschaut haben. Und Vivian Naefe setzt diese Beobachtungen mit leisem Witz und Gespür für die Gewalt der Gefühle in prägnante Szenen um: Marie hat sich heftig in den biederen Universitäts-Dozenten Sebastian (Christoph Moosbrugger) verliebt. Sie fragt ihn, wofür er wahre Leidenschaft entwickeln könne. Sebastian hört gerade per Kopfhörer Musik. Womit die ungehörte Frage dann auch gleich beantwortet ist.

Geschickt spielt Vivian Naefe mit Kino- und Fernseh-Mustern: Wenn Marie ihre Stammkneipe aufsucht, dann ist es in Umkehrung der üblichen Situation der Barkeeper, der ihr die Ohren vollquasselt. Ihm ist die Frau weggelaufen. Wenn Marie in der gleichen Bar einen Typ „anmacht“, dann antwortet der, er müsse warnen, weil er so müde sei, daß er möglicherweise gleich einschlafen würde. Was er nicht tut.

„Zuckerhut“ ist nicht ein weiterer Frauenfilm aus der Serie „Der Mann als Trottel“, sondern eine talentierte Betrachtung des Lebensgefühls einer Generation, deren mieseste Vertreter ihre Pflastersteinsammlung von ’68 als Anmache benutzen. Marie dagegen kommt beim Nachdenken über das Thema Lebensfreude zu dem Schluß: „Es ist so schön, wenn der Schmerz nachläßt.“ Rolf Zacher, der hier ein wundervolles Kabinettstück als leidenschaftlicher Spieler abliefert, würde ihr sicher zustimmen. Bodo Fründt