Von Kurt Wendt

Grund zum Feiern gab es reichlich, aber es fehlte die Zeit zum Feiern. Die Kurse deutscher Aktien erreichten Anfang Juli einen neuen Nachkriegsgipfel; aber die Makler und Effektenhändler waren voll damit beschäftigt, die über sie hereingebrochene Kaufwelle technisch zu bewältigen.

Auslöser für den neuen Gipfelsturm waren die Ausländer, diesmal vor allem die Amerikaner. Warum sie sich plötzlich erneut auf. die deutschen Aktien gestürzt haben und warum dies nahezu gleichzeitig geschah, wird das Geheimnis der Anlagemanager der großen Pensionsfonds in den USA bleiben.

Die in den deutschen Börsensälen kolportierte Erklärung, das feste Auftreten von Bundeskanzler Kohl in Moskau habe in den USA das durch die Ereignisse in Krefeld lädierte Vertrauen wieder hergestellt, ist zwar nicht unbedingt einleuchtend, aber völlig von der Hand zu weisen ist es nicht. Die Anlagepolitik in den USA wird ohne Zweifel auch durch politische Motive beeinflußt.

Schon als sich Ende August vergangenen Jahres das Ende der sozial-liberalen Regierung in Bonn abzuzeichnen begann, verstärkte sich die Nachfrage nach deutschen Aktien aus den USA. Damals nahm die Aktien-Hausse in der Bundesrepublik ihren Anfang. Ein Ende – so behaupten die Haussiers – sei auch heute noch nicht abzusehen. Denn unverkennbar ist, daß die Amerikaner auch weiterhin an deutschen Aktien interessiert sind. Sie vertrauen darauf, daß sich der in den USA im Gang befindliche Konjunkturaufschwung schon bald auf Westeuropa ausdehnen wird. Sie vertrauen aber auch auf die günstigen Ertragsprognosen, die ihnen von ihren Geschäftsfreunden in der Bundesrepublik gegeben werden.

Danach ist bei den meisten deutschen industriellen Spitzenunternehmen schon in diesem Jahr mit höheren Gewinnen zu rechnen, auch wenn es bei ihnen nur zu bescheidenen Umsatzsteigerungen kommen sollte. Die Gesellschaften haben die Zeit genutzt, ihre Kosten unter Kontrolle zu bringen, und arbeiten deshalb rationeller als noch vor einem Jahr.

Völlig überrascht von dem plötzlich aufgelebten Interesse wurden die meisten deutschen Banken und ihre Kunden. Noch im Juni herrschte die Meinung vor, die eingeläutete Konsolidierungsphase könnte einige Wochen dauern, ja sogar bis in den Herbst hinein anhalten. Aber mit einer längeren Sommerpause scheint es diesmal nichts zu werden.