Nach Dresden: Was kann Kirche?

Von Dietrich Strothmann

Dresden, der Kirchentag in der Elbemetropole, sei ein "mittelgroßes Wunder" gewesen, sagte zum Abschluß des Treffens der Hunderttausend sein Organisator, der langjährige sächsische Synodalpräses Johannes Cieslak. Und er meinte damit die unerwartete, ungewöhnlichunbürokratische Mithilfe des Staates beim Zustandekommen dieser außerordentlichen Massenversammlung: Seit dem letzten gesamtdeutschen Evangelischen Kirchentag 1954 in Leipzig hatte es keine ähnlichen Teilnehmerzahlen, erst recht keine vergleichbare Unterstützung durch den immerhin atheistisch begründeten Staat gegeben. Die Transportprobleme also wurden beispielhaft gelöst. Wie aber steht es mit der Lösung der geistlichen und geistigen Probleme in der DDR, zu denen von der Kirche Lösungen eingefordert werden? Was mag ihr nach den Feiern und Festen zuteil werden, von eben demselben .Staat, von den gleichen Funktionären aus Partei und Staatssicherheit?

Das sind keine bangen, schon gar keine arrogant-süffisanten Fragen, gestellt vom sicheren Hort des Westens aus. Bange Fragen sind es nicht? weil die Kirche drüben längst gelernt und belegt hat, wie sie sich unter Anfechtungen, zuweilen auch Anmaßungen des Staates zu behaupten weiß. DDR-Kirche ist vor allem mutige, hoffnungsvolle Kirche. Und gewiß werden Erich Honecker oder Kurt Hager nach ihrem Jubeljahr "Luther 1983", das auch sie voller Stolz auf "einen unserer größten Söhne" begingen, der Kirche oder deren Gläubigen keine Daumenschrauben anlegen. Nadelstiche wird es, wie bisher, geben – gegen Friedensprotestanten, Wehrdienstverweigerer, Umweltschutz-Engagierte, Kriegsspielzeug-Gegner, Anti-Haß-Erzieher. Und wieder werden sich Bischöfe und Pfarrer für jene einsetzen müssen, die gedemütigt werden.

Ein Beispiel für den Westen

"Kirchentags-Rabatt" war die Formel für die großzügige Staatshilfe in Dresden. Danach kann es zumindest eine ausgesperrte Kirche in der DDR nicht geben.

Auch unvoreingenommene, ehrliche West-Betrachter der Kirchenszene in der DDR müssen zugeben: Wie dort unter den Bedingungen des "real existierenden Sozialismus" Glauben bekannt und in der Wirklichkeit des grauen Alltags praktiziert wird, ist beispielhaft und aufmunternd, gerade auch für die Kirche in der Bundesrepublik. Nur ein Beispiel von dem Dresdner Treffen: Von der Wehrdienstverweigerung als einem "berechtigten Friedenszeugnis von Christen" hat dort ein hoher Kirchenmann gesprochen. Hört man ähnliches von solcher Position so klar auch bei uns? Oder: Die Sünden der anderen würden leider deutlicher gesehen als die eigenen, bekannte in demütigem Freimut der gastgebende Landesbischof Johannes Hempel. Gibt es etwa bei uns vergleichbare Äußerungen der DDR oder der Sowjetunion gegenüber?